Wieso Ich gestern an den Women’s March in Zürich ging

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Schlaue Gründe, um am Women’s March in Zürich teilzunehmen, gab es viele. Am Ende des Protests wurden viele dieser Gründe auch von den Rednerinnen angesprochen: die Rettung der AHV durch die Erhöhung des Rentenalters für Frauen, der klaffende Pay Gap und und und. Darüber möchte ich hier aber nicht schreiben. Zum Teil, weil es Leute gibt, die einfach besser informiert sind, zum Teil jedoch, weil vieles mich im Hier und Jetzt gar nicht betrifft. Mit Mitte zwanzig und als Studentin scheint das Rentenalter in schier unendlicher Ferne und bei meinen vereinzelten Ferienjobs spüre ich auch noch nicht viel von der Lohnungleichheit. Klar, das alles kommt auf mich zu -und wahrscheinlich schneller, als ich jetzt denke. Und natürlich möchte ich mich jetzt schon solidarisieren mit Frauen, die arbeiten, und Frauen, die schon um ihre Rente fürchten. Was aber sind die Gründe, die emotional schwer wiegen?  Was bewegt Frauen in meinem Alter, und die bezüglich Privilegien eher im Mittelfeld spielen, auf die Strasse zu gehen?

Mein Alltag ist seit fünf Jahren die Universität, das Studentenleben mein Erfahrungsrahmen. Es ist also ein relativ privilegiertes Leben. Seit ich angefangen habe zu studieren, war ich an drei verschiedenen Schweizer Hochschulen und arbeitete kurz selbst für eine vierte Institution. An jeder dieser Hochschulen kam ich mit Sexismus in Berührung. Sei es durch abschätzige Bemerkungen von Dozierenden, sei es durch sexuelle Belästigung ausgehend von Komiliton*innen oder durch vielfältige Mikroaggressionen. Davon abgesehen gibt es natürlich auch an den ach so progressiven, liberalen Unis die üblichen Verdächtigen: Podiumsdiskussionen mit nur männlichen Teilnehmern (oder welche über Migration, ohne Migranten), die Tendenz, dass sich der Frauenanteil gen oben auf der Karriereleiter stetig ausdünnt und inkompetente Meldestellen, die zur Tabuisierung all dessen beitragen. Dazu kommt, dass es dem Klischee entsprechend viele Personen gibt, die sich furchtbar elitär verhalten. Du warst noch nie in Paris?! Liegt daran, dass du nicht wolltest. Deine Eltern sind mit dir nicht ins Tinguely-Museum?! Was habt ihr den dann so gemacht an den Wochenenden?  Zu Sexismus und Elitarismus gesellen sich dann noch subtiler Rassismus, fehlende Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderungen und eine oftmals apolitische Haltung, die es ziemlich schwierig macht, irgendwas zu verändern. Tatsächlich ist seit Trumps Wahl etwas Schwung in die Bude gekommen, aber ob sich echte Veränderungen anbahnen oder ob es nur oberflächliche Empörung ist, wird sich noch zeigen. Meine Versuche selber was zu reissen, sind bisher im Dickicht der Bürokratie verschwunden. In der Zwischenzeit wird demonstriert- so wie gestern.

Aber das Uni Leben ist nicht der einzige Kriegsschauplatz. Tatsache ist: ich bin seit vier Jahren bewusst nicht mehr zur Gynäkologin. Die knapp drei Jahre meines Lebens, in denen ich zu Jahreskontrollen ging und Termine machte, um mir die Pille verschreiben zu lassen, waren für mich der blanke Horror. Trotz erheblicher gesundheitlicher Beschwerden wurde immerzu darauf gepocht, dass ich weitere hormonelle Präparate ausprobiere. Obwohl ich mitunter drei und einmal sogar fünf Monate lang täglich Schmierblutungen hatte und stark zunahm. Die Befragungen zu meinem Intimleben waren so harsch, dass ich mich zeitweise gedemütigt fühlte. Für die Jahresuntersuchung sollte ich mich, aus Zeitgründen, gleich ganz ausziehen und auch während der gesamten Behandlung so bleiben. Da war nix mit „unten frei machen“. Und damit man vom Versuchskaninchen auch voll profitieren konnte, durfte während der vaginalen Untersuchung auch noch eine weitere Auszubildende dazu kommen. Dass der Behandlungsstuhl genau vor der Türe stand und dass dort Menschen hin und her liefen, war egal. An dieser Stelle ein freundliches Hallo! an alle die mich in aller Pracht bestaunen durften. Nachdem ich ein drittes Mal den stabförmigen Schallkopf von einer jungen Dame eingeführt bekam, die sich alle paar Sekunden fragend umdrehte, weil sie nicht wirklich zu wissen schien, was sie da tat, war für mich Schluss. Klar, die jungen Ärzt*innen müssen auch irgendwo Erfahrungen sammeln, aber musste es immer Ich sein? Auch nachdem ich bat, die Untersuchung nur mit mir bekannten Gesichtern durchzuführen? Eigentlich hätte mir der Kragen platzen sollen, als der Verdacht auf Endometriose aufkam. Da fragte ich nämlich, was nun zu tun sei. Die Antwort kam prompt: „Eine Operation, um die Diagnose zu bestätigen, lohnt sich erst, wenn Sie dann Kinder möchten.“ Ich war damals 17 Jahre alt. Heute hätte ich vielleicht die Reife mich zu verteidigen und solche Dinge nicht einfach hinzunehmen, aber mir stellen sich die Haare auf, wenn ich nur daran denke, dass ich wieder zur Gynäkologin soll. Auch deswegen, und im Namen aller jungen Frauen, die wie ich mit hochrotem Kopf stumm da sassen, zog ich gestern durch Zürichs Strassen.

Ich bin eine weisse Frau. Aber so richtig weiss geworden bin ich erst, als ich das erste Mal von daheim auszog. Im Herbst 2012 fand ich ein WG-Zimmer in Schwamendingen. Kurz darauf beschlich mich das Gefühl, komplett unscheinbar zu sein. Anfangs dachte ich, dass das daran liegen müsste, dass ich als Teenager eine Vorliebe für auffällige Kleidung gehabt hatte, die sich langsam verflüchtigte. Ich trug seit langem wieder regelmässig Jeans und die fielen natürlich weniger auf, als weit schwingende Röcke. Aber daran lag es nicht, wie erneute Bekleidungsexperimente erwiesen.  Als ich dann anfing mich für strukturellen Rassismus zu interessieren, dämmerte es mir dann langsam. Und als ich letzten Herbst wieder zu meinen Eltern auf’s Land zog, war es plötzlich offensichtlich. Es gibt bei uns im Supermarkt an der Kasse eine Frau, die mich nie anlächelt, so sehr ich mir auch Mühe gebe alles schön auf’s Band zu legen und selber topmotiviert reinzublicken. Sie strahlt den ganzen Tag pure Freude aus, bis ich an der Reihe bin- dann schaut sie drein, als ob ich ihr gerade meine gebrauchten Sportsocken angeschmissen hätte. Irgendwann fiel mir auch, dass es nicht nur ich bin. Bei meiner Mama gibt es dieselbe Reaktion, bei der Flüchtlingsfamilie aus Pakistan auch. Die Frau hat nichts gegen mich persönlich, sie hat was gegen „nid hiäsigi“, sie hat was gegen Ausländer. Diese Erfahrungen mache ich, seit ich denken kann. Seltsame Blicke, noch seltsamere Konversationen über „wo du wirkli här chunsch“. Leute, die überrascht sind, dass ich Deutsch spreche. Die subtilen Unterschiede im Verhalten meiner Lehrer zwischen mir und anderen. So richtig einordnen konnte ich all das aber erst, als ich die Absenz dessen spürte. Die offensichtlichen Formen von Rassismus und Fremdenhass in der Schweiz waren mir immer bewusst. Wie soll man es auch sonst verstehen, wenn einem „Jugo“ zugerufen wird. Aber wie verbreitet und schädlich Mikroaggressionen sind, habe ich nur spät begriffen. Bei mir im Dorf gab es vor der Flüchtlingskrise gerade mal eine Hand voll People of Color und in diesem Kontext war ich als Kind von Migranten total auffällig. Als ich weg zog, profitierte ich dann aber plötzlich davon, wie veränderbar das Konzept von „Whiteness“ ist. Für diejenigen, die das nicht können, will ich mich aber einsetzen. Zum Beispiel an einer Demo.

Schlaue Gründe, um am Women’s March in Zürich teilzunehmen, gibt es also viele. Einige sind offensichtlicher als andere. Einige sind sehr populär und es stellen sich viele Menschen hinter sie. Aber in persönlichen Schicksalen verstecken sich oft noch subtilere Nuancen von dem, was wir schon zu wissen glauben. Dinge, die gerne nicht so schlimm sind. Einen Schlag ins Gesicht werden viele sofort verurteilen, aber wenn man in den Bauch gekniffen wird, soll man bitte nicht gleich anfangen zu weinen. Auch wenn es jahrelang jeden Tag passiert, von zehn Händen gleichzeitig. Ich bin gestern in Zürich an den Women’s March, weil mir die grossen Themen zwar wichtig sind, ich mir aber auch erhoffe, dass man sich für intersektionale Themen mehr öffnet. Ich bin marschiert, weil die ständigen Bauchzwicker ihre Narben hinterlassen haben und wir viel zu selten von ihnen sprechen. Ich bin hin, weil ich mich mit anderen Menschen konfrontieren wollte, für die ich vielleicht auch ein Bauchzwicker oder gar Schläger bin. Dass man an eine Demo geht, weil man eine Meinung hat, ist klar. Man sollte aber auch hingehen, weil es was zu lernen gibt.

 

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