sprachlos

Letzten Sommer sass ich in einer mündlichen Prüfung
und konnte die erste Frage nicht beantworten.

Dozenten nehmen so etwas gerne persönlich.

Mein Dozent war sehr daran interessiert zu wissen, warum.
Tatsächlich hackte er immer wieder nach mit Fragen wie

Waren Sie an der Vorstellung, an der ich dies erklärt habe, nicht anwesend?“

und

Hatten Sie nicht genug Zeit zum Lernen?“
Und meine Antwort war:…
Stille.

Ich bin normalerweise sehr offen über solche Dinge.
Wenn ich zu viel zu tun hatte, dann hatte ich zu viel zu tun.

Wenn ich krank war, war ich eben krank.
Wasauchimmer.

Aber da war etwas, was ich einfach nicht sagen konnte, nicht mit diesem Herrn teilen wollte.
Aber er, er musste es natürlich wissen.
Es passiert mir manchmal, dass sich ein Moment einfach in mein Bewusstsein einbrennt. Oft sind es wahllose, zufällige, unwichtige Augenblicke.
Und wie ich in meiner Sprachlosigkeit da sass, wurde so ein Moment.


Da wo ich letzten Sommer blockiert war, will ich jetzt ansetzen und eine bessere Antwort als meine Sprachlosigkeit wagen.


(Lieber Dozent)


Offensichtlich hatten Sie einige Vorstellungen darüber, warum ich Ihre Frage nicht beantworten konnte. Es gibt bekanntlich einige Gründe warum Studenten irgendwas nicht tun. Viele dieser Gründe hören sich relativ prosaisch an. Liebeskummer, klebrige Studentenparties, die unendlichen Möglichkeiten der Prokrastination, die uns Technologie bietet.
Ich denke, schlussendlich sind das alles gute Gründe. Sie sind menschliche Gründe.

Menschen versagen, gerne.

Was ich Ihnen nicht sagen wollte, was ich nicht teilen wollte, ist dass ich das Wochenende davor Servietten faltete und Blumen arrangierte.
An der Trauerfeier für die Mutter einer meiner besten Freundinnen.

Und ich will hier ehrlich sein: Ich kannte ihre Mutter nicht besonders gut. So wie man die Eltern seiner Freunde halt kennt. Und es fühlte sich seltsam an, dass dies mich so berühren sollte, so sehr beeinflussen würde.

Aber ich denke der Tod ist etwas Universelles, wir alle werden eines Tages sterben.

Und alle um uns herum werden sterben.
Ich denke, auf einer gewissen Ebene ist es daher egal ob jemand stirbt, der uns sehr nahe ist oder jemand den wir kaum kennen, denn wenn wir trauern, trauern wir selten um diesen einen Menschen alleine. Die Erfahrung Tod, der damit verbundene Schmerz, die Angst, die Grösse dessen, was da vor uns liegt, und was wir nicht verstehen, verschmilzt und löst sich von ihrer Bezogenheit auf eine Person. Wenn jemand stirbt, trauern wir um alle, die starben, um alle, die noch sterben werden. Schlussendlich trauern viele Menschen auch um sich selbst.

Und das nicht einmal aus Angst oder Narzissismus.

Ich denke, man darf es einfach ganz und gar scheisse finden, dass man sterben muss.

Als ich fünfzehn war, war ich nicht sprachlos. Es war auf fast lächerliche Weise einfach über den Tod zu schreiben. Es war nie schwer, den Tod mit schönen Worten auszuschmücken, Metaphern aus ihm zu machen, ihn in den Mund zu nehmen. Vielleicht liegt das daran, dass man viel stirbt, wenn man jung ist. Man stirbt vor Lachen, Scham, Schmerz, Liebeskummer, gerne um 6 Uhr morgens.

Ich war noch jünger als fünfzehn und Ministrantin, als es einmal hiess, dass da im Beinhaus ein Toter aufgebahrt sei. Nachdem Gottesdienst wartete ich hinter der Kirche bis alle weg waren und schlich dann ganz ganz ganz langsam ins Beinhaus.
Auch dies war einer dieser Momente, der mir anscheinend an die Innenseite des Schädels tätowiert wurde. Ich erinnere mich haargenau an den Moment, als ich nah genug dran war, um über die Sargkante sehen zu können und den Mann, der da lag, erblickte. Der Mann, der lag da, in Tracht gekleidet, der sah aus, als ob er schlief. Seine Haut wirkte so gesund und rosig und in dem Augenblick hätte ich schwören können, dass ich sah, wie sich seine Brust hob und senkte und ich fühlte mich plötzlich, als ob ich in jemandes Haus eingebrochen sei und dann in das Schlafzimmer und nun dastand und einem Fremden beim Schlafen zusah. Ich erschrak so sehr, dass ich rückwärts hinaus stolperte und den ganzen Weg nachhause rannte.

Etwas später musste ich mein Meerschweinchen begraben. Es gab eine meerschweinchengerechte, selbsterfundene Zeremonie im Wald. Teelichter und Blätter und besondere Kieselsteine waren alle Teil davon. Und mein Vater fluchte ob der Kälte. Und wahrscheinlich ist es besser nicht zu viel zu sagen, denn ich habe das vage Gefühl, dass es illegal ist, einfach irgendwo Tiere zu verscharren.

Meine Mutter ist Ungarin aus Rumänien. Mein Vater ist Rumäne aus Serbien. Bei ihnen sind Beerdigungen laut und öffentlich. Der Trauerzug vom Haus des Verstorbenen zum Friedhof schlängelt sich schmerzhaft langsam durchs Dorf. Bei unseren Beerdigungen werden die ganze Zeit über Fotos und sogar Videos gemacht, die man dann später entwickelt und die bei grösseren Familienanlässen immer wieder ausgegraben werden. Dabei brauchen wir die Fotos gar nicht. Meine Grossmutter hat so viele Worte, für die Farben der Blutergüsse, die ihr Ehemann von der Kollision mit dem Bus davontrug, dass kein Fotoapparat der Welt sich mit ihr messen könnte. Wenn ich will, kann ich ein Album aufschlagen und meiner Mutter am Tag der Beerdigung meines Grossvaters, lange vor meiner Geburt, ins Gesicht sehen. Aber ich könnte sie auch auf ein Fahrrad setzen und sie wird genau dasselbe Gesicht machen. Im Dorf meines Vaters wird während der Trauerfeier gesungen. Kein Kirchenchor, nein. Alte Frauen, meist Familienmitglieder, besingen den Toten in einer Improvisation zwischen theatralischem Weinen und kleinen Reimen über das Leben des Toten. Das mag sich fast schon etwas belustigend anhören, aber ich bin mir sicher, dass ich oberhalb des Kreuzbeins einen Punkt habe, der nie aufgehört hat wehzutun, seit mir an der Beerdigung meines Grossvaters die rhythmischen Schreie seiner Schwerster durch Mark und Bein gingen.

Ich bin jetzt 22.

Meine Grossmutter wohnt hier (Oma).
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X  Oma  X   X   X   X

Sie wohnt an einer Hauptstrasse und hat Zuckerwatte in den Augen. Dem Pfarrer der Gemeinde gibt sie gerne freche Antworten, die von mir kommen könnten. Die Strasse wird alle fünf Jahre oder so mal umbenannt und um 10cm angehoben. Keine Angst, dass muss für Sie keinen Sinn machen. Meine Grossmutter wohnt hier, an dieser Hauptstrasse Tautii Magherausi, Maramures, Erdely, Transsylvanien, Siebenbürgen. Und hier (1) wohnte eine gute Freundin meiner Grossmutter, die starb eines Tages. Und dann starb die alte Dame, die hier (2) wohnte. Und dann starb diese hier (3). Und dann, dann starb auch die, die hier (4) wohnte.
Stellen Sie sich bitte die Haut meiner Grossmutter vor.
Aber dann, dann starb die alte Nachbarin von der anderen Seite (5).

Und ich, ich bin 22 und ich muss mir sagen, ich muss mir einbilden, dass der Tod meine Grossmutter übersprungen hat. Er war da, gleich hier vor ihrer Tür und dann ist er einfach weiter und weg und ich muss mir sagen, dass er jetzt nicht mehr kommt.

Und meine Grossmutter, die sagt zu mir, der Tod, dass sei ja eh lächerlich. Als ob das irgendwie Sinn macht, dass man eines Tages aufwacht, aber nicht mehr atmet und das Herz nicht mehr schlägt und dann ist es halt einfach so vorbei.

Ich komme von da. Ich komme von Tränen, die publik sind und lauten Schluchzern inmitten von Hauptstrassen. Aber hier, hier lernte ich eine andere Trauersitte und sie geht etwa so:
Stille.
Je mehr Zeit vergeht, je öfter halte ich es mit dieser Sitte, gebe sie als Antwort auf Fragen.
Ich gab sie spontan ihm, meinem Dozenten.

Ich bin jetzt 22. Nicht mehr 15. Und in meinem ‚alten‘ Freundeskreis, von hier, aus Obwalden, da sind 3 Freunde mit toter Mutter und einer mit totem Vater und eine tote Freundin und ich finde das viel. Aber dann ist da noch dieser Onkel und die Grosstante, und eine Nachbarin und ich habe versucht alle Toten aufzuschreiben, aber dann war ich plötzlich am Ende der Seite.

Und es scheint, als ob das zum älter werden dazu gehört, dass man plötzlich so viele tote Leute kennt.

Aber im Gegensatz zu früher, weiss ich nicht mehr, wie man daraus Poesie macht.

 

 

Artikel in der Neuen Obwaldner Zeitung, 3. Februar 2015

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