Blutrote Schuhe: Wer Schön Sein Will Muss leiden

[TW: BLUT] Gestern hatte ich meinen ersten Praktikumstag. Dank Depression hatte ich weder eine grosse Vorfreude, noch konnte der Tag selbst positive Spuren hinter lassen. Es ist alles über mich hinüber geflossen, wie eine lauwarme Welle. Aber was anderes, das hat es ausgelöst und zwar schmerzende Füsse. Da ich keine Ahnung hatte, was der Dresscode ist und mich so spät nicht mehr traute, zu fragen, hatte ich schwarze Hosen und ein weisses Hemd an. Dazu habe ich ein paar schwarze Pumps angezogen, weil sie in meinem Kopf zu den gut eingelaufenen und bequemen Stöckelschuhen zählen. 30 Sekunden nach verlassen der Haustür merkte ich, wie meine Zehen schmerzen. Es war aber nicht die Sorte Schmerz, die mich persönlich zwingen würde umzukehren und andere Schuhe anzuziehen. Es war halt das, was ich von Stöckelschuhen erwarte. Es war trotzdem kein leichter Gang zum Bahnhof und endlich im Zug angekommen, entschied ich mich dazu, kurz aus den Schuhen zu schlüpfen. Sobald ich es tat, blickte ich mich erschrocken um, um mich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war. Meine Schuhe waren voller Blut. Meine Füssen waren so zusammengequetscht, dass meine Zehennägel sich mir ins Fleisch gebohrt hatten. Ich hatte nicht mal ein Taschentuch und versuchte wie eine Wahnsinnige alles mit einem alten Kassenbon aufzuwischen. Mein dringlichster Gedanke war, dass mich niemand entdecken würde.

Später, als ich endlich meine Hände waschen konnte, als alle Spuren beseitigt und meine Füsse wieder wohl versteckt in den Schuhen ruhten, traf es mich plötzlich. Warum tat ich das? Warum Warum Warum tue ich mir das an? Warum gibt es so eine klaffende Dissonanz zwischen meinen Bemühungen, psychisch gesund zu werden, mich wegen meiner chronischen Krankheit zu pflegen und solchen Aktionen, frisch aus der Hölle? Ich wünschte die Antwort wäre nicht so einfach. Und nicht so perfide. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass man für Schönheit leiden muss und, oh boy, was habe ich gelitten. Mit blutenden Beinen nach dem wachsen, fast im Bad erstickend mit der Bleichcreme auf dem Gesicht, kurz vor der Ohnmacht im viel zu engen Kleid. Dieser Satz war das Mantra, dass mir meine Mutter mir zuflüsterte, als ich bei der Kosmetikerin lag, festgeklammert an den Behandlungsstuhl und mit tränenden Augen. Aber ich wusste schon damals, dass es sein musste. Ein paar Jungs in der Schule hatten mich wegen meiner buschigen Augenbrauen (oder anders gesagt: wegen meiner Monobraue) ausgelacht. Die Lösung dafür ist, das ist doch ganz klar, dem elfjährigen Kind die Augenbrauen zu zupfen. Dieser Satz war mein Talisman, bei all den waghalsigen, dummen und erschreckenden Dingen, die ich tat, weil ich schöner aussehen wollte. Sei es mein Intermezzo mit Taillen Training, Kayla Itsines bei 30° bis kurz vor dem Erbrechen oder Experimenten zur Aufhellung der Augenfarbe.

Um ehrlich zu sein, hege ich einiges an Groll gegen meine Mutter, weil sie es war, die mich in diese Welt, in der wir Schmerz für Schönheit eintauschen, eingeführt hat. Aber die Wahrheit ist, dass es weder ihre noch meine Schuld ist. Schuld sind wir alle, die das System kollektiv aufrecht erhalten. Schuld ist, wer wie ich, den Schmerz zu einem Ritual emporhebt, welches ich in regelmässigen Zyklen freiwillig durchlaufe, um mir meinen Platz in dieser Welt abzusichern. Um mir selbst zu versichern, dass ich existieren darf. Und wir sind Schuld, nicht nur weil wir unseren Schmerz uns selbst und anderen gegenüber herunter spielen, sondern auch weil wir selten darüber nachdenken, wie dieses Denken andere Bereiche unseres Lebens beeinflusst. Ich sehe schon, das hier ist der Punkt, an dem mir die Leute abspringen, aber ich mache meine Behauptung trotzdem. Ich glaube, dass vor allem wir Frauen lernen, den Schmerz auch in anderen Bereichen unseres Lebens zu normalisieren. Dass unser Leiden Stück für Stück herunter gespielt wird. Sei es von Ärzten und Ärztinnen, die uns nicht ernst nehmen oder der Horde Fuckboys, die sich immer noch ermächtigt fühlen, pseudointellektuelle Diskussionen darüber zu führen, ob jetzt ein Tritt in die Eier oder Menstruationsschmerzen schlimmer seien.

Ich habe auf Instagram schon öfter über meine Beziehung zu meinem Körper und Schönheitsideale geschrieben. Eine Reaktion, die es dazu fast jedesmal gibt, sind Beteuerungen, dass ich schön sei. Es sind Komplimente, die mit einer guten Absicht gemacht werden. Und ich muss zugeben: Weil ich noch nicht dort bin, wo ich sein möchte, was heisst, dass ich schön sein will, berühren mich diese Komplimente auch. Es freut mich und ölt mein Ego zu hören, dass jemand findet, dass ich gut aussehe. Aber langfristig ist es nicht das, was ich will. Diese Komplimente sind wie eine Wundsalbe. Ich brauche sie jetzt, denn ich tue mir immer noch weh, wortwörtlich aber auch psychisch, mit meinem Drang, schön zu sein. Zu wissen, dass diese Beteuerungen kommen werden, weil auch ein Teil von mir weiss, dass ich objektiv gesehen nicht unattraktiv bin, dient schlussendlich aber nur dazu, mich weiterhin zum Schmerz hin zu motivieren. Was ich persönlich brauche, ist nicht schön sein zu müssen und zu wollen. Ich brauche eine komplette Loslösung von der Idee, dass die Symmetrie meines Gesichts und der Zustand meiner Körperbehaarung eine legitime Bewertungskategorie meines Selbst sein sollen.

Wenn ich sage, dass ich nicht schön sein will, heisst das nicht, dass ich hässlich sein möchte. Es ist nicht mein Ziel, einer dieser Hipster zu werden, die der Ironie und dem Widerstand wegen weisse Tennissocken tragen und absichtlich ihren Nagellack verkleckern. Es soll auch kein Abschied sein von Mode und Make-Up, in dem Mass, in dem sie mir Spass machen. Was ich möchte, ist mich nicht mehr selbst zu verletzen, meine Zeit zu vergeuden und mir Dinge zu verbieten, nur um ein Schönheitsideal aufrecht zu erhalten, dass ich selbst nur zögerlich unterschrieben habe. Die Wahrheit ist doch, dass wir uns nicht nur Schmerzen zufügen mit unseren Schuhen und Epilierern, sondern auch unser Leben an die damit verknüpften Ideale anpassen. Wenn ich heute zu faul zum Rasieren war, dann geh ich halt nicht an den See, weil ich meine Beine so nicht in der Öffentlichkeit zeigen kann. Weil ich zu viel wiege, ziehe ich keine Shorts an und schwitze mir dann den ganzen Tag einen ab und fühle mich unwohl. Weil ich mein Gesicht hasse, verpasse ich es die liebenswürdige Kollegin anzusprechen und wir werden nie ein Liebespaar. Weil meine Haut so schlecht ist, werde ich nicht Tänzerin, werde nicht Schwimmerin oder Leichtathletikerin, weil ich nicht etwas tun kann, bei dem man meinen Körper ständig sieht.

Stattdessen verschwende ich unendliche Stunden meines Lebens damit, nach Lösungen zu suchen, um meinen Körper in die Form zu pressen, die es mir theoretisch erlauben würde, so zu leben, wie ich eigentlich leben will. Ich heile meine schlechten Momente mit Impulseinkäufen, immer in der Hoffnung dass das neue Kleid, die neue Bluse den Schalter umkippen wird. Ich kaufe eine Creme, die kleinere Poren verspricht, die mir aber die Erlösung bringen soll. Und sollte eine von uns das Unglück haben, nicht nur in ihrem eigenen Kopf, sondern auch im Bewusstsein des Kollektivs als hässlich zu gelten, dann gibt es noch eine ganze Menge anderer Türen, die sich nicht öffnen lassen. Ich beschwere mich darüber, dass Männer mich sexuell belästigen, aber ich habe Freundinnen, die von Männern belästigt werden, weil sie für diese Männer so hässlich sind, dass sie den Hohn und die Gewalt verdienen würden. Ich selbst bin immer noch symmetrisch genug und weiss genug und normalgewichtig genug und habe keine sichtbare Krankheit. Aber wäre meine Haut braun und würde ich versuchen sie zu bleichen, hätte ich Afro Haare und würde sie mit Chemikalien glätten, wäre ich Asiatin und würde mich für eine „europäische“ Nase unters Messer legen, wäre ich Opfer eines Säureangriffs – all dies wäre eine zusätzliche, enorme Belastung, die unter Umständen mein Leben dominieren könnte.

Deshalb regt es mich auch so auf, wenn die Diskussionen um Schönheitsideale, angeführt von Frauen wie mir, so mild ausfallen. Hach ja, wir tun unser Bestes für mehr Einklang mit den gängigen Hashtags und um uns ein bisschen besser zu fühlen. Wenn es mal nicht klappt, dann werden die Selfcare Waffen heraus geholt, die oft aus derselben Ecke kommen, wie das Übel selbst. Gesichtsmaske als Selfcare? Neue Schuhe als Selfcare? Wenn ich mich schlecht fühle, löse ich das also mit dem Versuch, mich schöner zu machen. Und wenn eine Freundin am Boden zerstört ist, wegen ihrer Dehnungsstreifen, wegen ihrer abstehenden Ohren oder ihrer bleichen Haut, dann trösten wir sie, indem wir ihre Makel in die Kategorie des Schönseins aufnehmen. Rote Haare, Zahnlücken und Sommersprossen haben schon dieselbe Behandlung erfahren: Sie sind jetzt schön. Stereotyp asiatisch aussehende Frauen deklarieren wir als exotisch. Schwarze Frauen, angeführt von den grossen Popstars unserer Zeit, werden vom Mainstream kopiert. Wir mögen gern ihre Lippen, Ärsche und Frisuren an uns sehen. Trotz dieser Einbürgerung bleibt der Rassismus erhalten und wer ein Merkmal hat, für das es noch keine Kampagne gab, muss ausharren. Warum?

Weil all das erhalten bleiben wird, solange wir Schönheit als Massstab nehmen. Das einzige, was diese verzweifelten Versuche neu zu kategorisieren tun, ist den Massstab etwas auszuweiten. Und vielleicht, in hundert Jahren oder früher oder später, werden wir damit Erfolg haben und alles was ist, wird schön sein.  Vielleicht ist es wahr und wir werden pockennarbigen Mädchen, ohne uns selbst zu belügen, sagen, dass sie das wunderschönste Mädchen der Welt sind. Eine schwarze, amputierte, übergewichtige Frau könnte Miss Universe werden. Es ist eine wünschenswerte Zukunft und ich würde sie uns allen gönnen. Aber ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass ich nicht an sie glaube. Wir können so viele Dinge, wie wir wollen als schön bezeichnen, es wird immer etwas Hässliches geben. Und darum glaube ich, dass es nicht die Lösung sein sollte, auf jedes Merkmal solange einzudreschen, bis wir es als schön annehmen können, sondern dass Schönsein einfach unwichtiger werden muss.

Männer, das fällt mir immer wieder auf, können sich diesbezüglich viel mehr leisten als Frauen. Natürlich werden auch Männer zunehmend Opfer von unseren Schönheitsidealen, auch weil der Kapitalismus in seinem Wachstumsdrang jede mögliche Ressource anzapfen muss. Der Mann wird gerade als Kunde entdeckt von Waxing Studios und Beauty Marken. Trotzdem scheint da viel mehr Spielraum zu sein. Spielraum, denn ich gerne auch für mich selbst haben würde. Sei es die Körperbehaarung, die zwar langsam auch da zum Thema wird, aber bestimmt nicht dazu führt, dass Fremde einem schockierte Blicke zuwerfen und man sich selbst nicht aus dem Haus traut. Sei es das Gewicht, ein Thema bei dem sich viele Männer besser durchsetzen können. Ein Freund meines Vaters, der wegen seines Bauches Opfer böser Witze wurde, antwortete seinen Peinigern, dass er nicht gedenke abzunehmen, schliesslich sei sein Bauch das Resultat kostspieliger Investitionen. In seinem Bauch seien nur das leckerste Fleisch und guter Wein, so ein teures Objekt dürfe man sich nicht einfach abtrainieren. Er erntete viel Beifall und vor allem Respekt. Ich komme nicht umhin zu denken, dass das für eine Frau, an seiner Stelle, anders geendet hätte.

Darum, und in der Zwischenzeit, bis wir alle bequem in unserer „Alle sind schön“-Utopie leben dürfen, will ich nicht schön sein wollen. Ich wünsche mir, dass es egal ist. In meiner idealen Welt bin ich nicht schön, sondern ich bin trotzdem. Ob mit Damenbart oder Speckrolle, ich will mich in der Öffentlichkeit wohl und akzeptiert fühlen. Möchte baden gehen, wann ich will. Möchte ernst genommen werden in Jeans und T-Shirt. Möchte ein ganzer Mensch sein mit unbemalten Zehennägeln. Möchte meine schlechten Make-Up Skills spazieren führen und Kleider mit Turnschuhen tragen. Die Liste der Dinge, die ich in meinem Leben tun möchte, ist sehr ambitioniert und es ist wahrscheinlich, dass vieles unerreichbar bleibt. Aber das Mindeste, was ich tun kann, ist keine Zeit mit meiner Frisur zu verlieren, wenn sie mir eh nicht wichtig ist. Ich darf keine Kirschsaison mehr verpassen, weil ich den Master Cleanse mache und nur Zitronenwasser konsumiere. Es kann nicht sein, dass ich es nie schaffe im Moment zu leben, weil ich beschäftigt bin mit der Grösse meiner Oberschenkel, dem sich schälenden Nagellack und der Farbe meiner Haut.

Falls ihr mich morgen aber seht, mit Stöckelschuhen und frisch rasiert, im engen Rock und geglätteten Haaren: Das ist keine Lüge. Ich bin auf dem Weg und der Weg ist steinig. Der Unterschied zu vorher ist, dass ich nicht mehr unterwegs bin in das gelobte Land des sich schön Fühlens, sondern in mein eigenes Paradies, in dem ich dort mitmache, wo es Spass macht und liegen lasse, was mir Schmerzen zufügt oder meine Zeit verschwendet. Und wenn ihr mich schön findet und das sagen wollt, dann freue ich mich. Ich würde mich aber mehr freuen, wenn ihr mich klug findet oder mutig. Oder sehr gerne: Lustig. Loyal, ehrlich, hilfsbereit. Schlimmstenfalls dürft ihr mich auch total dumm finden. Das ist okay. Solange es nichts mit meinem Aussehen zu tun hat.

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