Wie hole ich mir professionelle psychologische Hilfe?

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TW: Erwähnung von Suizid und psychischen Krankheiten

In „You Can’t Pour From An Empty Cup“ hat Miriam über Self Care geschrieben und wie sie persönlich mit den Tiefs umgeht. Nachdem sie auf Social Media um Hilfe bat, bekam sie viele Tipps und wohltuende Worte. Auch ich habe online schon ähnliche Erfahrungen gemacht. Wenn ich gerade einen Feel-Good Film brauche oder ein lustiges Meme, dann ist auf meine Freunde Verlass. Ich möchte in diesem Text aber einen Schritt weiter gehen, denn jenseits von Heilung durch Yoga, Mindfullness Übungen und gutem Essen wird die Luft oftmals dünn. Wenn man sich bewusst wird, dass einem sowas nicht reicht, ist es nicht mehr ganz so leicht Tipps zu finden. Gerade jetzt während der Feiertage, kann es vorkommen, dass sich mit der vielen freien Zeit ein Vakuum bildet in welchem man von negativen Gefühlen überrollt wird und alte Probleme, Konflikte, Gefühle sich in den Vordergrund drängen. Auch das ist ein Thema, dem wir uns als moderne, intersektionale Feminist*innen annehmen sollten. Der Ableismus unserer Gesellschaft macht nicht nur Menschen mit Behinderungen das Leben schwer, er hindert uns auch daran einen Besuch bei der Psycholog*in als so selbstverständlich anzusehen, wie den Gang zur Hausärztin bei einer Grippe. Dazu kommt, dass für viele ein Anruf beim Arzt eh schon nervös macht, wie soll man das also angehen, wenn das Problem psychischer Natur ist? „Hallo, ich habe ein Problem mit meinem Gehirn?“ Eher nicht. Falls ihr also auch mit euch hadert und nicht wisst, wie ihr euch endlich psychologische Hilfe holen sollt, dann ist dieser kleine Guide für euch.

Achtung! Falls ihr euch jetzt gerade in einer Notlage befindet, die für euch lebensbedrohlich ist, könnt ihr jetzt sofort folgendes tun*:

– Ihr könnt euren Hausarzt / eure Hausärztin anrufen (oder vorbei gehen) und sagen, dass ihr euch in einer Krise befindet und sofort Hilfe braucht.

– Ihr könnt beim nächstgelegenen Krankenhaus / der nächstgelegenen psychiatrischen Klinik anrufen oder vorbei gehen. Am besten direkt in die Ambulanz. Eine Liste findet ihr hier: Spitäler Schweiz oder ihr gebt auf Google Maps „Spital“ ein.

– Ihr könnt euch zu jeder Tages- und Nachtzeit an die Dargebotene Hand wenden und 143 anrufen.

– Ihr könnt eine der Notruf Nummern wählen, z.B. 117 für die Polizei oder 144 für die Sanität. Im Falle einer lebensbedrohlichen Krise sind Polizei und Sanität dazu verpflichtet umgehend Hilfestellung zu bieten.

Falls ihr euch selbst nicht traut diesen Schritt zu gehen, versucht eine Person zu kontaktieren, die dies für euch tun könnte- wer immer das für euch ist! Falls ihr am Telefon seid und keine Worte mehr rausbringt, schreibt das, was in eurem Kopf herumschwirrt nieder und lest es dann vor.

Wie ihr es sagt, ist scheissegal. Nennt das Kind einfach beim Namen. Falls ihr denkt, ihr werdet am Telefon kalte Füsse bekommen: sagt zuerst euren Namen und eure Adresse (bzw. wo ihr euch befindet), so kann man euch finden, falls ihr plötzlich abhängt.

Nehmt euch selbst ernst, ihr seid es wert! Und: versucht etwas Vertrauen zu haben, in die Leute, die ihr kontaktiert – sie sind Profis, haben einen klaren Kopf und sehen Lösungen, die für unsichtbar sind.

Falls ihr jemanden kennt, der sich in einer solchen Krise befindet oder gar offen Suizidwünsche geäussert hat, solltet ihr dies sehr ernst nehmen. Ob jemand „dazu fähig ist“, lässt sich von aussen nur schwer beurteilen. Geht also nicht leichtfertig mit Drohungen um! Im Notfall ist es besser einmal zu viel, als einmal zu wenig anzurufen. Weitere Tipps findet ihr hier: Akute Suizidgefahr

*Die Notrufnummern gelten für die Schweiz, falls ihr woanders wohnt, könnt ihr einfach per Google herausfinden welche Nummer ihr wählen könnt oder ihr wählt 112, den europäischen Notruf.

Wenn es sich bei euch nicht um einen Notfall handelt, ihr aber längerfristig professionelle Hilfe braucht, könnt ihr so vorgehen:

Wie findet man professionelle Hilfe?

  1. Ihr habt euch entschieden euch Hilfe zu holen! Das ist schon der erste Schritt und oftmals sogar der schwierigste! Ihr dürft stolz auf euch sein!
  2. Es ist immer gut, zuerst mit der Hausärztin zu sprechen, da diese euch den Besuch bei einer Psychologin / Psychiaterin verschreiben kann, wodurch ihr die Kosten von der Krankenkasse (zumindest zum Teil) zurückerstattet bekommen könnt. Vielleicht hat eure Hausärztin auch schon eine Empfehlung für eine Klinik oder eine Fachperson. Oftmals ist es aber so, dass hier die Wahl der richtigen Person, bei der zwischen euch auch die Chemie stimmt, viel schwieriger ist, als andere Vermittlungen. Ihr werdet ein intimeres Verhältnis zu eurer Psychologin / Psychiaterin haben, als zu eurer Dermatologin. Deshalb müsst ihr euch darauf einstellen, etwas auszuprobieren. Das wäre der nächste Schritt. (BTW: Falls ihr kein gutes Verhältnis habt zu eurer Hausärztin oder falls diese keine Behandlung verschreiben möchte oder oder oder, könnt ihr euch auch direkt auf die Suche nach einer Psychologin / Psychiaterin machen, dann müsst ihr allerdings damit rechnen, dass ihr die Kosten selbst tragen werdet).
  3. Wie findet man also den richtigen Profi? Vielleicht habt ihr schon von einer Klinik / einer Psycholog*in / Psychiater*in gehört? Falls nicht könnt ihr hier nachsehenoder auch hier, wo einige Basics erklärt sind.Nehmt euch Zeit einfach mal zu stöbern, bei Freunden nachzufragen, auf Social Media oder in Online Foren zu suchen.

    Sucht am besten jemanden, der nicht zu weit weg wohnt, der Weg zur Behandlung sollte in euren Alltag integrierbar sein. Überlegt euch auch, ob ihr eine Präferenz beim Geschlecht habt, ob ihr die Behandlung in einer bestimmten Sprache haben wollt oder ob ihr schon von einer Behandlungsmethode gehört habt (Gruppentherapie, Verhaltenstherapie etc.) und diese ausprobieren möchtet. Falls ihr schon konkret benennen könnt, was euer Anliegen / Problem ist, könnt ihr nach diesem Begriff suchen (z.B. Essstörung). Falls nicht, könnt ihr euch hier über einige psychische Krankheiten informieren: Voilà!

    Wichtig: Falls ihr die Möglichkeit habt euch behandeln zu lassen, ist dies Selbstdiagnosen immer vorzuziehen! Diagnosekriterien sind oft sehr frei formuliert und für nicht fachkundige Personen schwer zu beurteilen. Verkrampft euch also nicht zu sehr auf einen Begriff. Obsessiv Symptome zu recherchieren, lässt das Problem auch oft schlimmer erscheinen als es ist- genau wie bei physischen Erkrankungen auch.

  4. Wenn ihr euch eine oder auch mehrere Kliniken / Personen ausgesucht habt, geht es nun darum diese zu kontaktieren. Ihr könnt dies per Telefon, Brief oder Email tun. Falls ihr nervös seid, ist der schriftliche Weg oftmals besser. Eure erste Kontaktaufnahme sollte folgendes beinhalten:- die Nennung eures Namens, Alters und Beschäftigung. Einfach damit die Leute wissen, mit wem sie es zu tun haben und damit sie euch notfalls finden können, falls ihr mittendrin kalte Füsse bekommt.

    erwähnt kurz, wie ihr auf die Klinik / Person aufmerksam geworden seid. Zum Beispiel falls es eine Internetseite war oder eine persönliche Empfehlung.

    Frage: hat die Klinik / Person die Kapazität euch zu behandeln? Das sollte man am besten gleich zuerst fragen, so spart man sich Zeit und ist dann nicht enttäuscht. Falls ihr hier schon eine Absage bekommt, solltet ihr das keinesfalls persönlich nehmen! Es ist besser das sofort gesagt zu bekommen, anstatt dann monatelang auf die Behandlung zu warten.

    erklärt so gut und so kurz es geht, was euer Problem ist. Das kann sich als total schwierig erweisen, aber manchmal hilft es auch, völlig platt zu sein. „Ich bin depressiv.“, „Ich esse nicht richtig.“, „Ich habe ständig Angst.“ sind Aussagen, die zum Anfang eigentlich schon reichen.
    Frage: behandelt diese Klinik / Person Patienten mit euren spezifischen Problemen? Falls ihr diese Information noch nicht habt oder euch beim Fachbereich nicht sicher seid, solltet ihr unbedingt diese Frage stellen. Wir können ja auch nicht von einer Zahnärztin eine gynäkologische Untersuchung verlangen, nur weil sie uns eben am sympathischsten erschien. Auch hier dürft ihr völlig platt sein: „Behandeln Sie Personen mit Zwängen?“

    erwähnt wann ihr Zeit habt bzw. euren groben Tagesablauf. Zum Beispiel: „Ich arbeite täglich von 8 bis 17 Uhr.“, „Freitagnachmittag habe ich immer frei“ etc. Auch hier geht es darum, schon im Voraus abzuklären, ob ein Treffen überhaupt möglich ist. So verschwendet ihr keine Energie mit Optionen, die eigentlich keine sind. Wichtig: falls eure Situation akut ist, aber eure Arbeits- oder Schulzeiten eine Behandlung unmöglich machen, wäre es wichtig abzuklären, ob ihr nicht ein Arztzeugnis bekommen könntet.

    Frage: wann hat man Zeit für euch? Das wichtigste ist einmal ein erstes Treffen zu vereinbaren. Und so banal es klingt: man muss danach fragen (ausser ihr fühlt euch wohler, wenn ihr zuerst etwas per Mail chatten könnt!). Bedenkt, dass es vielleicht einige Zeit dauern kann, bis die Klinik / Person eurer Wahl Zeit für euch hat. Das können Wochen, schlimmstenfalls Monate sein. Überlegt euch gut, wie dringend ihr Hilfe braucht und ob ihr so lange warten könnt oder ob es sich im Gegenteil lohnen würde auf den idealen Platz zu warten.

    Wie soll das alles zusammen kommen? Hier ein Beispiel für einen Brief / eine Mail:

    „Sehr geehrte Damen und Herren,

    mein Name ist Maxi Muster, ich bin 30 Jahre alt und arbeite selbstständig. Durch die Seite wie-gehts-dir.ch habe ich die Website Ihrer Klinik gefunden und die Beschreibung dort hat mich angesprochen. Nehmen Sie momentan neue Patienten an? Machen Sie auch Gruppentherapien für Menschen mit Angstzuständen? Seit geraumer Zeit lösen Menschenmassen in mir grosse Ängste aus und ich suche deswegen Hilfe. Meine Arbeitszeiten sind flexibel, vor allem Mittwochs habe ich wenig zu tun. Wann hätten Sie Zeit für ein erstes Gespräch?

    Mit freundlichen Grüssen,

    Maxi Muster“

    Voilà So einfach geht das!

    Seid nicht entmutigt, falls sich aus dem ersten Kontakt nichts ergibt, weil die Person z.B. keine Kapazitäten mehr hat oder vermehrt ein anderes Gebiet behandelt. Vielleicht kann man euch gleich weiter vermitteln, ansonsten solltet ihr einfach noch jemand anderes anschreiben. Eine Absage muss man absolut nicht persönlich nehmen, die Gründe dafür sind meistens trivial und haben nix mit euch persönlich zu tun. Am besten fragt ihr nach einer Absage sogar, ob die Person euch eine Empfehlung machen kann. Wie in jeder Branche kennt man sich untereinander und vor allem wenn die Absage aus Kapazitätsgründen erfolgt, ist es gut möglich, dass die Person Kolleginnen im eigenen Fachbereich hat.

  5. Ihr habt eine Zusage! Wenn die Zusage da ist, geht es darum das erste Treffen zu vereinbaren. Hierfür ist es empfehlenswert etwas extra Zeit zu haben. Sucht euch also möglichst einen Zeitpunkt aus, an dem ihr vor und nach dem Gespräch einen ruhigen Moment habt und nicht zum nächsten Termin sprinten müsst. Falls ihr nervös seid, dürft ihr das gerne schon vorher sagen. Zu diesem Treffen solltet ihr euer Krankenkassen Kärtli mitnehmen, damit allenfalls administrative Fragen geklärt werden können. Etwas anderes vorbereiten müsst ihr nicht, aber es kann beruhigend wirken sich vorher einige Punkte aufzuschreiben über die man sprechen möchte. Zum Beispiel eine Beschreibung eurer Schwierigkeiten, aber auch was ihr von der Therapie / dem Gespräch erwartet. Vielleicht ist vorher aufschreiben nix für euch, was auch okay ist. Versucht einfach gut zu euch zu sein. Und keine Angst: das erste Treffen muss kein Seelenstriptease sein! Es ist ein Kennenlernen und darf sehr oberflächlich bleiben. Ihr dürft Fragen stellen, schweigen, schnell wieder gehen, enttäuscht sein, begeistert sein oder völlig unentschlossen.
  6. Wie war das? Nach dem ersten Treffen ist es wichtig, ganz ehrlich zu evaluieren, ob es euch gefallen hat. Für manche heisst das, den Mut zu haben Nein zu sagen. Vielleicht hattet ihr bei der Person kein gutes Gefühl, vielleicht ist die Therapiemethode doch nichts für euch. Auf jeden Fall dürft ihr da ganz ehrlich sein. Für andere heisst ehrlich sein jedoch die Hilfe zu akzeptieren und nicht nach Ausreden zu suchen. Es ist schwierig DIE eine perfekte Behandlungsmethode zu finden und manchmal muss man es einfach mal ausprobieren. Wenn ihr euch auf eine Klinik / Person eingelassen habt, wird man euch dort erklären, wie es weiter geht.Für diejenigen bei denen es noch nicht geklappt hat, ist noch eines wichtig: bitte ghostet die Personen nicht, mit denen ihr im Kontakt wart. Schreibt doch ein paar kurze Zeilen und lasst die Person wissen, dass ihr euch woanders umschaut, sonst macht man sich Sorgen um euch. Ein „Das ist nicht das, was ich suche.“, „Ich habe das Gefühl, ich brauche etwas anderes.“ oder „Für mich hat es nicht gepasst.“ reicht schon. Die Leute nehmen das auch nicht persönlich und so ist die Sache für beide Seiten abgeschlossen.
  7. Ihr seid in Behandlung! Wenn ihr so weit seid, könnt ihr euch erstmal auf die Schulter klopfen – well done! Sobald ihr etwas Erfahrung damit habt, wie der Laden läuft, werdet ihr schnell selber lernen, wie ihr die Sache drehen und wenden müsst, damit ihr euch wohl fühlt. Habt keine Angst, Hilfe anzunehmen und Sachen auszuprobieren! Behaltet aber auch den Willen zu Eigeninitiative und sucht selbst nach Lösungen, wenn es nicht rund läuft. Zu neuen Medikamenten gibt es online tausende Erfahrungsberichte, in Foren diskutiert man Behandlungsmethoden, Therapien und Kliniken. Es gibt Facebook Gruppen für jedes Krankheitsbild, wo sich Betroffene untereinander austauschen – und hey, vielleicht hilft Hatha Yoga ja wirklich bei Angstzuständen.
  8. Immer schön am Ball bleiben! Das heisst natürlich auch, dass ihr euch eventuell darauf einstellen müsst, wieder bei Null anzufangen, wenn ihr aus irgendwelchen Gründen auf eine andere Fachperson / Klinik umsteigen müsst. Davon geht die Welt nicht unter und ihr findet bestimmt wieder einen Platz. Am Ball bleiben heisst aber auch, dass ihr selbst mit anpackt. Die Therapie allein kann euch nicht heilen, dazu braucht es auch Arbeit von eurer Seite. Sich in Behandlung zu begeben ist eine Investition in euch Selbst, sie ist sowohl eine wunderbare Chance, als auch eine Verantwortung. Das hört sich erstmal anstrengend an, aber am Ende läuft es ähnlich wie mit der ersten Kontaktaufnahme: von aussen erscheint es extrem hart, diese erste Mail zu schreiben und wenn man es dann gemacht hat, merkt man, hey, ich kann das!

Ich hoffe diese Anleitung konnte jemandem da draussen helfen und vielleicht diesen ersten grossen Schritt erleichtern. Seid euch bewusst, dass da draussen jemand ist, der helfen kann und seid euch bewusst, dass ihr diese Hilfe verdient. Jetzt.

 

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