Der gut gebildete Mittelstand und Ich

catsonly

Der Zug ist abgefahren. Jetzt. Gerade als ich anfange zu schreiben. Durch das gekippte Fenster höre ich ihn um die Kurve biegen. Ein leises Rauschen und dann Stille. Und ich sitze nicht in diesem Zug sondern zuhause am Schreibtisch, mit einem mulmigen Gefühl das sich von den Schulterblättern bis in die Hüften zieht. Eigentlich hätte ich gerne einen Event zu den Themen Rechtsrutsch und Antifeminismus in Zürich besucht, aber wie so häufig hat mich dieser eigentümlicher Gefühlscocktail überschwemmt und so sitze ich nun hier in Leggings und Kapuzenpulli und voll mit Katzenhaaren.

Lag es daran, dass die Fahrt 1½ Stunden dauert? Oder lag es am Föhnwind, der die Fensterläden rattern lässt und die Vögel vor meinem Fenster durch die Luft wirbelt? Nein. Obwohl das natürlich legitime Einwände sind. Mein Problem ist aber ein anderes. Letzte Woche hatte ich mich aufgerafft, entgegen des Bauchgefühls, der Kälte und der Zugfahrt. Und dann, als ich dort war, habe ich mich den ganzen Abend unwohl gefühlt. Ich sass da, das Craft Bier in der verschwitzten Hand und fragte mich, wie sehr es auffällt, dass ich da nicht hin gehöre. Das frage ich mich auch in Konzerthäusern, in Museen und manchmal sogar im Theater, obwohl ich selber neun Monate da gearbeitet habe. Es ist schwer dies in Worte zu fassen, aber ich bin in einer anderen Welt aufgewachsen, in einer Welt, in der es nicht selbstverständlich ist, solche kulturellen Institutionen zu besuchen. Und wenn man es dann anfängt zu tun, bleibt da immer das Gefühl, dass man am falschen Ort ist.

Meine Vorfahren waren Arbeiterinnen und Bäuerinnen vom Land und ihre Welt überschnitt sich mit der Welt von Fotoausstellungen und Diskussionen zu Meta-Soundso gar nicht. Meine Eltern sind kluge Menschen, haben Matura und Ausbildung gemacht, aber wenn man emigriert und eine neue Sprache von „Ich heisse…“ auf lernen muss, dann ist das alles weggewischt. Meine Mutter wechselte vom Labor  zum Restaurant, mein Vater vom Büro auf die Baustelle. Ich wuchs aber auf, ohne je zu denken, dass es mir an etwas mangelte. Wir hatten immer ein Dach über dem Kopf, Essen auf dem Tisch und es gab sogar Spielsachen und Schaumbäder und Süssigkeiten. Was es nicht gab, waren Museumsbesuche, Konzerte, schöne Restaurants. Museen, die besuchten wir die zwei Male, die wir Urlaub gemacht haben. Einmal auf Mallorca, einmal in Tunesien. Ansonsten wurden die Ferien „unten“ verbracht, in Rumänien und Serbien bei der Verwandtschaft auf dem Land. Gepflegt auswärts essen, das konnte man sich in der Schweiz nur einmal im Schaltjahr leisten und Cafés, in denen man tagsüber rumhängen konnte, gab es bis vor Kurzem eh kaum und so blieben Restaurants lange Zeit etwas, was ich nur aus der Perspektive der Kellnerin kannte.

Diese andere Welt also, die Welt des gut gebildeten Mittelstands, die lernte ich sehr viel später kennen. Und diese ist, zumindest in der Schweiz, ziemlich gross. Hier besuchen viel mehr Menschen Opern und Gallerien und irgendwie ist es für viele Leute normal, sich etwas Schönes zu gönnen. Mir blieb im Gymnasium der Mund offen stehen, als eine Freundin erzählte, dass sie sich hin und wieder eine Massage leiste. Einfach so. Zum entspannen. Mittlerweile war ich auch einmal in der Sauna (und wusste nicht wohin mit mir). Der Spa Gutschein, den ich meinen Eltern vor drei Jahren zu Weihnachten geschenkt habe, wurde immer noch nicht eingelöst. Jedes Mal, wenn ich meine Mutter darauf anspreche, verzieht sie das Gesicht. Sie kann dort nicht hin und ich solle aufhören, sie damit zu bedrängen. An solche Orte gehe sie nicht, weil die für reiche Leute gemacht seien und inmitten deren würde sie sich dann unwohl fühlen. Ich verdrehe jedes Mal wieder die Augen, wenn sie das sagt und doch- und doch glitt mir letzten Montag fast die Bierflasche aus der Hand, weil ich das akute Gefühl hatte in dieser Mischung aus Business Casual, Gespritztem Weissen und Theaterflyerästhetik zu ersticken.

Schlimmer noch: die Schweizer Städte sind Dörfer, in denen sich alle irgendwie kennen. Wenn irgendwo ein Buch vorgestellt wird, scheint die Hälfte der Anwesenden mit dem Autor persönlich befreundet zu sein. Die andere Hälfte ist das 1 + und ich stehe alleine in der Ecke, mich mal wieder fragend, ob das auch ganz sicher keine Privatveranstaltung sei. Und wenn es dann doch mal zur Kontaktaufnahme kommt, sind da die beklemmenden Fragen. Ach, ich kenne den Komponisten nicht? Aber das sei ja schon ein grosser Name. Am Ende bin ich dann die einzige, die vollkommen überrascht ist davon, dass Boulez während des Konzerts in der ersten Reihe sass. Dasselbe gilt für die Künstlerin Musterfrau. Ich meine, jetzt hat sie doch den Kulturförderungspreis von Kaffigen erhalten, das stand sogar im Regionalblatt. Manchmal möchte ich ganz laut schreien: ICH HABE KEINE AHNUNG UM WAS ES HIER GEHT ABER ES SAH INTERESSANT AUS UND WAR GRATIS! Und dann würde die halbe Belegschaft einen Herzinfarkt bekommen, weil die meistens eh alle ziemlich alt sind. Vielleicht ist das ja der Grund, warum sie sich alle kennen: sie waren schon immer da.

Ich frage mich, ob ich eines Tages schweissfrei und mit ruhigen Händen vor kulturellen Cafés werde rumhängen können. Oder vielleicht bleibe ich für immer eine Aussenseiterin. Ein Eindringling, der durch Situationen hindurchstolpert und sie nie ganz verstehen wird. You can take the girl out of working class, but you can’t take the working class out of the girl? Ist es das? Vielleicht, höre ich andere denken, ist das alles nur in meiner Imagination. Weil linke, kulturell affine Kreise doch per se so offen sind und sich immer um Diversität bemühen. Oder?

Ich habe keine Ahnung. Aber ich werde es bestimmt wieder versuchen. Bei irgendeiner Eröffnung oder Podiumsdiskussion. Heute Abend jedoch habe ich mich nur an einem bereichert: Katzenhaar.

 

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