OOTD: Die Kultur von Jemand Anderem

la blouse roumaine

Mit den meisten Modefragen muss man nicht zu mir kommen. Ich mag es zwar einzukaufen, ich ziehe mich auch gerne schön an, aber es gibt ziemlich viel, was einfach an mir vorbeizieht. Fashion weeks habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr verfolgt und ich kaufe mir seit zehn Jahren keine Modezeitschriften mehr. Deswegen steh‘ ich auch manchmal etwas auf der Leitung, wenn sich ein neuer Trend anbahnt und wenn es mich dann überkommt mitzumachen, ist es meist schon zu spät. Vielleicht bin ich auch etwas traumatisiert, weil ich als junges Mädchen mal auf der Strasse darauf angesprochen wurde, dass das Haartuch, welches ich trug, nicht mehr im Trend sei. Kinder sind so grausam. Und ja, Adrianna, ich erinnere mich an dich.

Ein Trend, der sich jetzt schon länger hält, ist mir aber zunehmend ein Dorn im Auge. Ob ihr Fans des Hippie Styles seid oder nicht, ob ihr bei den High Street oder High End Läden einkauft, sogar als völlig Mode-Uninteressierte werdet ihr luftigen, bestickten Blusen und Kleidern und Röcken begegnet sein. Falls ihr gerne online einkauft, steht da eventuell „hippie“, „gypsy“*, „boho“ drunter. Oder ein Kleid heisst „Yelena peasant dress“. Ein weiteres Lieblingsadjektiv ist „ethnic“. Die Modeindustrie ist schon seit einigen Jahren, wie sie sagen, „inspiriert“ von traditionellen Trachten. Am häufigsten scheinen momentan die mexikanische, ukrainische und rumänische Kultur hinhalten zu müssen. Ich bin unter anderem Rumänin und muss jetzt tief Luft holen.

Gestern, der 24. Juni, war der universelle Tag der rumänischen Bluse. La Blouse Roumaine. Kanadas Premierminister Trudeau hat den Rumänen in Ottawa sogar gratuliert zu diesem Anlass. Aber eigentlich gibt es relativ wenig zu feiern. Was abseits dieses Feiertages abgeht, ist jedenfalls kein Anlass zur Freude. Sei es die rumänische Bluse, das ukrainische Kleid oder der mexikanische Schal, sie sind alle vor allem Opfer von kultureller Aneignung, besser bekannt als Cultural Appropriation. Und obwohl die meisten Feminist*innen relativ gut informiert sind, wenn Miley Cyrus oder Kylie Jenner in Zusammenhang mit diesem Begriff genannt werden, gibt es relativ wenig Empörung, wenn es um diese Trachten geht.

Ich möchte an dieser Stelle keine Marken und Beispiele nennen, die sich dieses Diebstahls schuldig machen. Vor allem weil ich denke, dass ich damit eigentlich nur Werbung betreibe für diese Schurken. Aber die Kopien sind überall, von sehr teuer zu sehr billig, von Qualitativ hochwertig zu einmal-tragen-und-dann-weg-damit. Aber ihr kennt sie bestimmt, die Teile in der Sektion „Tops“ die auffällige Ähnlichkeiten haben mit mexikanischen und guatemalischen Huipils. Überall findet man momentan „Vyshyvanka“ Kleider, die aber leider oftmals wenig zu tun haben, mit dem ukrainischen Original. Und Blusen, die als „peasant blouse“, Teil irgendeiner „Festival Collection“ und bei den gängigen Anbietern von „boho chic“ vertrieben werden, gibt es mittlerweile so viele, dass man Mühe haben wird, die spezifische Region Rumäniens auszugraben, von deren Handarbeit sie kopiert wurden.

Ihr denkt jetzt vielleicht, „Woah, chill mal! Mode ist Kunst und Kunst heisst, dass man sich mal hier und da Inspiration holt und etwas abguckt!“. Die Facebook Gruppe „La Blouse Roumaine“ leistet gute Arbeit, in dem sie aufzeigt, wie ähnlich sich die Designs sind- und dass das nicht mehr als ‚Inspiration‘ durchgeht:

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(alle Grafiken von La Blouse Roumaine)

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(Foto Vergleich Tlahuitoltepec Bluse und Isabel Marant: Susana Harp, über La Blouse Roumaine)

Wie ihr seht, handelt es sich nicht um Inspiration, sondern um simples, perfides Kopieren. Dass dies als akzeptabel angesehen wird, liegt vielleicht daran, dass die High Street Modehäuser eigentlich nur so funktionieren können. Sie kopieren, für was die grossen Designer lange arbeiten und vertreiben dann die billigen Imitate. Auch das sollte eigentlich nicht passieren, aber viele scheinen ihr moralisches Auge zuzudrücken angesichts der Profite dieser Marken und der Tatsache, dass häufig auch teuere Brands ihre Arbeiter nicht besser bezahlen. Aber stehlen von unterprivilegierten Gemeinschaften hat schwere Konsequenzen.

Letzten Sommer, während meines Besuchs in Rumänien, hatte ich die Gelegenheit mir Verkäuferinnen und Näherinnen echter rumänischer Blusen zu sprechen. Als ich ihre Ware genauer betrachtete, fiel mir nämlich etwas auf: viele der angebotenen (und oftmals günstigeren) Exemplare waren aus einem Elasthan-Baumwolle-Mix- ein untypisches Material. Da wurde mir erzählt, dass man diesen Stoff, und häufig auch die vorgeschneiderten Blusen, aus China importiere. Warum das? Weil die Kund*innen oftmals nicht interessiert sind an den Originalen aus Gaze und Leinen. Die Gaze Stoffe sind zu empfindlich, die Leinen zu schwer. Und beide sind, wenn handgewebt, zu teuer für die H&M verwöhnten Gemüter. „Niemand kauft mehr eine Bluse für über 100 Euro, obwohl wir für die Herstellung teilweise Wochen brauchen.“, erzählte mir eine ältere Dame. Daher sehen sie sich gezwungen, sich an den Markt anzupassen und maschinell besticke Baumwollhemdchen zu vertreiben. Aber auch das hilft oft nicht. Mit den immer neuen Mustern der Modewelt können sie nicht mehr mithalten. Ein ukrainischer online Anbieter von echten, traditionellen Kleidern (den ich hier nicht nennen möchte), bietet seit neustem Vyshyvankas an, so wie man sie bei westlichen Designern findet. Sie kopieren genau die Kleider, die Vereinfachungen ihres eigenen Kulturgutes darstellen. Sie stehlen zurück. Und auch diese gestohlenen Kopien verkaufen sich besser als die Originale.

Ich höre oft, dass man sich über kulturelle Aneignung freuen solle. Die alte Tradition werde dadurch aufgewertet und wiederbelebt. Die jungen Leute würden sich wieder dafür interessieren. Man werde umsonst beworben, schliesslich bekämen die lokalen Näherinnen bestimmt mehr Kundschaft. All das stimmt nicht. Für die Hüter*innen des alten Handwerks haben die gestohlenen Trends nur Nachteile. Wenn sie den neuen Anforderungen und dem Druck des Marktes nicht nachgeben, geht sogar mancher Stammkunde lieber ins Shoppingcenter. Der einzige Gewinner ist wie immer die westliche Modebranche.

Zum Schluss: Ja, auch ich besitze immerhin von anderen Kulturen inspirierte Kleidungsstücke. Da bin ich nicht stolz drauf. Aber ich habe jetzt eine Linie gezogen. Es reicht. Ich möchte mit meiner Kaufkraft nicht mehr dazu beitragen, dass kleine Produzenten verdrängt werden oder ihre Traditionen für ihr Überleben aufgeben müssen. Falls euch das auch ebenfalls anspricht, lade ich euch dazu ein das Pausieren zu praktizieren. Bevor ich ein „ethno“ Teil kaufe, halte ich inne -Pause- und zücke das Smartphone. Ähnelt das Teil einem Original, das irgendwo anders zu haben ist? Gibt es schon Berichte über einen neuen Skandal? Falls ja, und falls es mir wichtig genug ist, dieses Teil selbst tragen zu können, sollte es auch drin liegen, das Original zu kaufen. Falls nicht- Finger weg! Niemand von uns wird nackt rumlaufen müssen, weil wir ein Teil bei Zara liegen gelassen haben. Versprochen.

 

 

 

*gypsy ist ein Schimpfwort, welches man 2017 echt nicht mehr benutzen sollte. read up.
** meine persönliche „blouse roumaine“ (siehe Titelbild) kommt aus der rumänischen Maramures. Ich habe sie in Baia Mare bei einer lokalen Händlerinn für umgerechnet 200Euro erworben und sie ist mittlerweile knapp 10 Jahre alt.

 
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Gedanken übers Prokrastinieren

deepwoodsDie Prokrastination als Thema ist im Mainstream angekommen. Ja, man könnte sogar sagen, dass sie ziemlich gut verankert ist. Man kann Blogpost um Blogpost darüber lesen, Zeitungen von A bis Z haben darüber berichtet und wenn man nicht lesen mag, kann man ja sogar einem Ted Talk zum Thema lauschen. Das kann dann -sogar!- zu einer neuen Form der Prokrastination werden. Anstatt jetzt das zu tun, was ich eigentlich tun sollte, verschwende ich einen ganzen Tag darauf mich von Prokrastination, zu Konditionierungstheorien zu Pawlowschen Hunden zu Placebos bis hin zu Benjamin Franklin zu klicken. Habt ihr gewusst, dass der Sultan von Konstantinopel Süleyman I gelernter Goldschmied war? Interessant. Was mich aber wirklich gurkt ist, dass ich auch da prokrastiniere, wo ich eigentlich nicht will (beziehungsweise wollen sollte). Nämlich bei Dingen, die mir eigentlich total Spass machen. Also bei meinen Hobbies. Es passiert mir also, dass ich Lust hätte zu schreiben, fotografieren, kochen oder etwas Yoga zu machen, und stattdessen verbringe ich dann einen ganzen Nachmittag damit, eine Haarklammer zu suchen, die mir vor fünf Jahren vielleicht hinter’s Bett gerutscht ist. Und dass gehört wahrscheinlich noch zu meinen besseren Momenten, weil ich dann immerhin hinterm Bett gestaubsaugt habe. Lose -Win, was?! Mit der Fotografie nimmt das Ganze dann auch mal perverse Ausmasse an. Ich bitte andere Leute mich für den Blog zu fotografieren und poste es dann nie. Oder ich schiesse 500 Ferienbilder, die ich dann nie oder extrem spät mit meinen Mitreisenden teile. Hochzeitsfotos hab ich auch schon verprokrastiniert, vor mir ist da nix sicher! Und darum jetzt, hier, fast sofort ein paar Bilder die letzten Samstag spontan im Wald entstanden sind, als ich dabei war für einen Freund Plakate aufzuhängen (rechtzeitig!) und mich dann noch zu einem Spaziergang entschloss. Das ist also erst zwei Tage her. Das nenn ich jetzt mal Fortschritt und lass es dabei bleiben, bevor mir diese ganze prokrastinationsfreie Lebenslust noch zu Kopf steigt.

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jumpsuit: thought /// jeans jacke: mango (alt) /// schuhe: veja

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Jackenwetter?

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Meine Familienmitglieder, die noch aktiv in der Landwirtschaft tätig sind, sehen die Folgen ja so ziemlich überall und tagtäglich. Mehr Düren, heftigere Unwetter und Erde, die verbrannt aussieht, vom Einsatz der ganzen Herbizide und Pestizide und was einem sonst noch so einfällt. Anno dazumal hätte man das Wetter immer gut voraussagen können, aber jetzt sitzen die älteren Menschen bei meinem Onkel im Dorf oft ratlos vor der Hofpforte und wundern sich, wie es so weit kommen konnte.

Wenn man in einer Stadt lebt, fällt das alles weniger auf (ausser natürlich letzten Sommer, als ich mit meinen Katzen zusammen, jämmerlich zusammengekrümmt auf den Fliessen etwas Abkühlung suchte). Aber es gibt da doch eine Sache, die sich in den letzten Jahren sehr verändert hat: Es gibt kein Jackenwetter mehr. Ich, als Liebhaberin von Jacken und Mänteln, freue mich immer über verschiedene Wetterbedingungen und wechsle dann fröhlich von Parka, zu Wollmantel, zu Regenjacke und wieder zurück. Mir fällt aber auf, dass ich in den letzten Jahren immer wieder fast gänzlich ohne Übergang von Wintermantel zu „ich pack mir noch einen Cardigan in die Tasche, falls es abkühlt“ gegangen bin.

Auch dieses Jahr, habe ich das Gefühl, dass wir von Zähneklappern und rauen Hände direkt zum Marathonschwitzen übergegangen sind. Vor einem Monat musste ich morgens noch regelmässig einen leichten Mantel anziehen, weil es so kalt war und jetzt ist es in Jeans und Bluse ab 10 Uhr kaum mehr auszuhalten. Die Bilder hier entstanden vor etwa drei Wochen und schon da habe ich die Jeansjacke mehr aus Liebe zu ihren sechs Taschen getragen, als dass ich sie zum warm halten gebraucht hätte.

Wer weiss, vielleicht liegt hier der Schlüssel zum Klimaschutz:  wir müssen die Modeindustrie nur davon überzeugen, dass in Europa mit vier Jahreszeiten an Bekleidungsmöglichkeiten mehr Umsatz zu machen ist, als mit einer Mantel- und einer Bikinikollektion. Ist das nicht ein geniales Argument? Da seht ihrs, ich werde die Welt doch noch retten.

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Jacke: Mango (alt) | Top: ? (alt) | Jeans: Mango | Schuhe: Vögele | Tasche: Zara

 
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Don’t you have better things to do than writing a fashion blog?

First of all: Yes. Me, in particular, I would need to write a shit ton of other stuff right now. But that is besides the point. Does anyone still need to write a fashion blog in 2016? Even if you want to put yourself out there, why not just microblog over instagram? Are we still pretending to read the text accompanying the outfit posts of big blogs?
When I started blogging the idea of fashion blogs was new, fresh and exciting. I loved seeing girls like me wear stuff I could afford and find myself. But in just over a decade a lot has changed. This is certainly a topic I would like to further explore in future. How we went from average looking young women wearing H&M to the same women somehow not only transforming their wardrobes but also their bodies, wandering off into spheres which -once again- are not reachable for your average Susie. I find it fascinating how twelve years ago bloggers would be shamed for being rude, while today the arguably same nobodies manage to still make money without even disclosing where their clothes come from. Which brings me back to the title of this post: what’s the fucking point anyway?
There are several reasons why I decided to also blog about fashion. One being that some really good, inspiring fashion blogs can still be found out there and many of those developed into a direction I would not have expected: they blog about fair fashion, sustainability and their responsibility in regards to it. I too, would like to change my habits (which at the moment are quite bad) and rethink my relation to material goods in general. Another reason for this is that I feel the spectrum of blogs is getting more limited everyday. Sometimes I am scrolling through feeds left and right, hoping to see myself but I never do. Until I realized that maybe I should just put myself out there. And so I did.

T-Shirt & Jeans: Mango | Blazer: Zara | Sneakers: Nike | Beanie: Pieces | Bag: Nneka Merchandise

 
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