OOTD: Die Kultur von Jemand Anderem

la blouse roumaine

Mit den meisten Modefragen muss man nicht zu mir kommen. Ich mag es zwar einzukaufen, ich ziehe mich auch gerne schön an, aber es gibt ziemlich viel, was einfach an mir vorbeizieht. Fashion weeks habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr verfolgt und ich kaufe mir seit zehn Jahren keine Modezeitschriften mehr. Deswegen steh‘ ich auch manchmal etwas auf der Leitung, wenn sich ein neuer Trend anbahnt und wenn es mich dann überkommt mitzumachen, ist es meist schon zu spät. Vielleicht bin ich auch etwas traumatisiert, weil ich als junges Mädchen mal auf der Strasse darauf angesprochen wurde, dass das Haartuch, welches ich trug, nicht mehr im Trend sei. Kinder sind so grausam. Und ja, Adriana, ich erinnere mich an dich.

Ein Trend, der sich jetzt schon länger hält, ist mir aber zunehmend ein Dorn im Auge. Ob ihr Fans des Hippie Styles seid oder nicht, ob ihr bei den High Street oder High End Läden einkauft, sogar als völlig Mode-Uninteressierte werdet ihr luftigen, bestickten Blusen und Kleidern und Röcken begegnet sein. Falls ihr gerne online einkauft, steht da eventuell „hippie“, „gypsy“*, „boho“ drunter. Oder ein Kleid heisst „Yelena peasant dress“. Ein weiteres Lieblingsadjektiv ist „ethnic“. Die Modeindustrie ist schon seit einigen Jahren, wie sie sagen, „inspiriert“ von traditionellen Trachten. Am häufigsten scheinen momentan die mexikanische, ukrainische und rumänische Kultur hinhalten zu müssen. Ich bin unter anderem Rumänin und muss jetzt tief Luft holen.

Gestern, am 24. Juni, war der universelle Tag der rumänischen Bluse. La Blouse Roumaine. Kanadas Premierminister Trudeau hat den Rumänen in Ottawa sogar gratuliert zu diesem Anlass. Aber eigentlich gibt es relativ wenig zu feiern. Was abseits dieses Feiertages abgeht, ist jedenfalls kein Anlass zur Freude. Sei es die rumänische Bluse, das ukrainische Kleid oder der mexikanische Schal, sie sind alle vor allem Opfer von kultureller Aneignung, besser bekannt als Cultural Appropriation. Und obwohl die meisten Feminist*innen relativ gut informiert sind, wenn Miley Cyrus oder Kylie Jenner in Zusammenhang mit diesem Begriff genannt werden, gibt es relativ wenig Empörung, wenn es um diese Trachten geht.

Ich möchte an dieser Stelle keine Marken und Beispiele nennen, die sich dieses Diebstahls schuldig machen. Vor allem weil ich denke, dass ich damit eigentlich nur Werbung betreibe für diese Schurken. Aber die Kopien sind überall, von sehr teuer zu sehr billig, von Qualitativ hochwertig zu einmal-tragen-und-dann-weg-damit. Aber ihr kennt sie bestimmt, die Teile in der Sektion „Tops“, die auffällige Ähnlichkeiten haben mit mexikanischen und guatemalischen Huipils. Überall findet man momentan „Vyshyvanka“ Kleider, die aber leider oftmals wenig zu tun haben, mit dem ukrainischen Original. Und Blusen, die als „peasant blouse“ Teil irgendeiner „Festival Collection“ sind. Und bei den gängigen Anbietern von „boho chic“ gibt es mittlerweile schon so viele, dass man Mühe haben wird, die spezifische Region Rumäniens auszugraben, von deren Handarbeitskunst sie kopiert wurden.

Ihr denkt jetzt vielleicht, „Woah, chill mal! Mode ist Kunst und Kunst heisst, dass man sich mal hier und da Inspiration holt und etwas abguckt!“. Die Facebook Gruppe „La Blouse Roumaine“ leistet da gute Arbeit, in dem sie aufzeigt, wie ähnlich sich die Designs sind- und dass das nicht mehr als ‚Inspiration‘ durchgeht:

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(alle Grafiken von La Blouse Roumaine)

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(Foto Vergleich Tlahuitoltepec Bluse und Isabel Marant: Susana Harp, über La Blouse Roumaine)

Wie ihr seht, handelt es sich nicht um Inspiration, sondern um simples, perfides Kopieren. Dass dies als akzeptabel angesehen wird, liegt vielleicht daran, dass die High Street Modehäuser eigentlich nur so funktionieren können. Sie kopieren, für was die grossen Designer lange arbeiten, und vertreiben dann die billigen Imitate. Auch das sollte eigentlich nicht passieren, aber viele scheinen ihr moralisches Auge zuzudrücken angesichts der Profite dieser Marken und der Tatsache, dass häufig auch teure Brands ihre Arbeiter nicht besser bezahlen. Aber Stehlen von unterprivilegierten Gemeinschaften hat schwere Konsequenzen.

Letzten Sommer, während meines Besuchs in Rumänien, hatte ich die Gelegenheit mit Verkäuferinnen und Näherinnen echter rumänischer Blusen zu sprechen. Als ich ihre Ware genauer betrachtete, fiel mir nämlich etwas auf: viele der angebotenen (und oftmals günstigeren) Exemplare waren aus einem Elasthan-Baumwoll-Mix- ein untypisches Material. Da wurde mir erzählt, dass man diesen Stoff, und häufig auch die vorgeschneiderten Blusen, aus China importiere. Warum das? Weil die Kund*innen oftmals nicht interessiert sind an den Originalen aus Gaze und Leinen. Die Gaze Stoffe sind zu empfindlich, die Leinen zu schwer. Und beide sind, wenn handgewebt, zu teuer für die H&M verwöhnten Gemüter. „Niemand kauft mehr eine Bluse für über 100 Euro, obwohl wir für die Herstellung teilweise Wochen brauchen.“, erzählte mir eine ältere Dame. Daher sehen sie sich gezwungen, sich an den Markt anzupassen und maschinell besticke Baumwollhemdchen zu vertreiben. Aber auch das hilft oft nicht. Mit den immer neuen Mustern der Modewelt können sie nicht mehr mithalten. Ein ukrainischer online Anbieter von echten, traditionellen Kleidern (den ich hier nicht nennen möchte), bietet seit neustem Vyshyvankas an, so wie man sie bei westlichen Designern findet. Sie kopieren genau die Kleider, die Vereinfachungen ihres eigenen Kulturgutes darstellen. Sie stehlen zurück. Und auch diese gestohlenen Kopien verkaufen sich besser als die Originale.

Ich höre oft, dass man sich über kulturelle Aneignung freuen solle. Die alte Tradition werde dadurch aufgewertet und wiederbelebt. Die jungen Leute würden sich wieder dafür interessieren. Man werde umsonst beworben, schliesslich bekämen die lokalen Näherinnen bestimmt mehr Kundschaft. All das stimmt nicht. Für die Hüter*innen des alten Handwerks haben die gestohlenen Trends nur Nachteile. Wenn sie den neuen Anforderungen und dem Druck des Marktes nicht nachgeben, geht sogar mancher Stammkunde lieber ins Shoppingcenter. Der einzige Gewinner ist wie immer die westliche Modebranche.

Zum Schluss: Ja, auch ich besitze immerhin von anderen Kulturen inspirierte Kleidungsstücke. Da bin ich nicht stolz drauf. Aber ich habe jetzt eine Linie gezogen. Es reicht. Ich möchte mit meiner Kaufkraft nicht mehr dazu beitragen, dass kleine Produzenten verdrängt werden oder ihre Traditionen für ihr Überleben aufgeben müssen. Falls euch das auch ebenfalls anspricht, lade ich euch dazu ein, das Pausieren zu praktizieren. Bevor ich ein „ethno“ Teil kaufe, halte ich inne -Pause- und zücke das Smartphone. Ähnelt das Teil einem Original, das irgendwo anders zu haben ist? Gibt es schon Berichte über einen neuen Skandal? Falls ja, und falls es mir wichtig genug ist, dieses Teil selbst tragen zu können, sollte es auch drin liegen, das Original zu kaufen. Falls nicht- Finger weg! Niemand von uns wird nackt rumlaufen müssen, weil wir ein Teil bei Zara liegen gelassen haben. Versprochen.

 

 

 

*gypsy ist ein Schimpfwort, welches man 2017 echt nicht mehr benutzen sollte. read up.
** meine persönliche „blouse roumaine“ (siehe Titelbild) kommt aus der rumänischen Maramures. Ich habe sie in Baia Mare bei einer lokalen Händlerinn für umgerechnet 200Euro erworben und sie ist mittlerweile knapp 10 Jahre alt.

 
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Eine schlichte Katze wäre besser gewesen – Über unnötige T-Shirt Drucke

Screen Shot 2017-06-20 at 15.23.38Ja, ich weiss. Es gibt so viele Dinge, über die man sich eher aufregen kann- keine Sorge, ich habe genug Motzkraft und komme auch zu eurem Lieblingsproblem. Aber heute möchte ich mich einem persönlichen Favoriten widmen. Einem Thema, dass schon seit über einem Jahr in meinen Post-Entwürfen sitzt und für welches ich regelmässig Beweismaterial sammle. Es geht um dumme, unnötige, peinliche und manchmal schlichtweg hässliche T-Shirt Drucke. Bevor mir jetzt jemand den metaphorisch ersten Stein um die Ohren hauen will: Ja, auch ich habe T-Shirts, die mit irgendwas bedruckt sind. Ja, es gibt auch verdammt gute T-Shirt Projekte. Ja, darunter waren zumindest in der Vergangenheit auch welche, für die ich mich heute ohrfeigen will (Avril Lavigne Fan-Shirt mit Slipknot Ästhetik? Ohmygawd). Aber über gewisse Exemplare müssen wir jetzt trotzdem mal reden. Das Universum des politisch unkorrekten Druckes ist da zum Glück schon abgedeckt. Bei Prints wie „Grab America By The Pussy“ muss man sich ja auch nicht wundern, warum alle heiss laufen. Und vor allem wenn es die grossen Themen betrifft, kommt die Reaktion ja auch schnell und gewandt.

Aber um solche Themen geht es mir heute -ausnahmsweise- nicht. Sonst könnte ich ja auch den Rest meines Lebens damit verbringen, auf den Websites von Druckereien abzuhängen und den Kundendienst zusammen zuschreien, weil sie mal wieder ein T-Shirt haben, welches mit irgendeiner infantilen Referenz bezüglich Penisgrösse, Manneskraft und Sandwich-Produktion aufwartet. Wie man so schön sagt: You gotta choose your battles. Und ich habe gewählt. Mir geht es um die vermeintlich hübschen Exemplare, die man bei den High-Street Labels findet. Kein Comic Sans und Arial in Primärfarben, sondern stillsichere Fonts auf Pastel und Breton-Streifen. Kommet in meine Welt der Hineinsteigerung in komplett überflüssige Themen und sehet selbst!

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Fangen wir an mit diesem philosophisch unkompliziertem Exemplar meines Lieblingsfeindes Mango. Die Aufschrift hier („Mehr Salate, bitte!“ für alle nicht-Englisch begabten) wird optisch unterstützt von zwei Illustrationen, jeweils eine Tomate und irgend ein grüner Blattsalat. Es fällt sofort auf, dass die zwei Zutaten alles andere als einen Schrei nach mehr Salat auslösen würden. Hätte man sich hier mit einer salatkundigen Person zusammengetan, wäre man auf den Gebrauch von geräuchertem Mandeltofu und jungem Spinat hingewiesen worden. Wie so oft aber, machte man sich diese Mühe nicht und so ist dieses T-Shirt eine chice, tragbare Version jedes Stockphotos, welches Salat essende, glücklich lachende Frauen zeigt. Ähnlich wie bei den vielen T-Shirts, die mit aufgedruckten Outfittipps daherkommen, stellt sich auch hier die moralische Frage, ob man, dieses Kleidungsstück tragend, auch Popcorn, Süsskartoffelecken  oder Bündner Nusstorte essen dürfte? Einen Hinweis darauf liefert das oben verlinkte „Blue Jeans, White Shirt, Messy Hair, Perfect Deal“ T-shirt: das Model selbst trägt eine schwarze Yogaschlaghose. Und ja, ich habe eben das Wort „Yogaschlaghose“ geschrieben. Wir leben in einer surrealen Zeit.

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Auch hier wieder zwei Mango Exemplare, die sich beim Versuch bedeutungsvoll und gleichzeitig locker-flockig-oberflächlich zu sein, irgendwo verirrt haben und jetzt im Sauerland an einem verlassenen Bahnhof stehen und über ihr Leben nachdenken. Oder -oho! mir kam gerade ein Gedanke- es handelt sich hier um den neusten Coup von der Sorte Neonazis, die sich einige Hirnzellen bewahren konnten und die hier mal wieder (man erinnere sich an das leider legale HKNKRZ T-Shirt) das System unterwandern. „Always Right“, kann ja auch immer rechts heissen, ne? Und dass Menschen anscheinend das Recht haben, falsch zu sein, haben wir in den letzten zwölf Monaten Weltpolitik ja auch gemerkt. Bäm! Im Literaturstudium Interpretationen hinkotzen zahlt sich wohl doch endlich aus.

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Wem es bisher zu oberflächlich ist, dem wird hier geholfen. Denn Mango produziert nicht nur Kleidung in einsturzgefährdeten Hochhäusern in Bangladesh, nein! Mango hilft auch kräftig mit beim Grünen Kapitalismus, wie es Slavoj Zizek, der Vater aller Körpersäfte, so gerne nennt. Mango weiss, dass es uns scheiss egal ist, dass die Menschen, die unsere Kleidung herstellen, ins Elend gestürzt werden und das manchmal auch wortwörtlich- an dieser Stelle Bonuspunkte dafür! Mango weiss aber auch, dass wir einmal pro Schaltjahr den Kampf gegen die kognitive Dissonanz verlieren und irgendwas tun möchten, verdammt! Für diese Tage gibt es es das „Take Action“ T-Shirt. Für den Rest reicht „Nobody Cares – And I don’t mind“. Ein schönes Duo.

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Mango bringt es wieder! Ein  T-Shirt, weiss, simpler Schnitt- der Aufdruck: MINIMAL. Dieses Kleidungsstück IST minimalistisch, hat aber ein Wort aufgedruckt, welches ihm wiederum seinen Status als maximal schlichtes Kleidungsstück vereitelt. Oder kann der Schriftzug dem Objekt nichts anhaben? Ceci n’est pas une pipe- mais ce t-shirt est-il quand même minimal? Selten hat mich ein philosophisches Paradoxon so sehr bewegt wie dieses hier, da können Achilles und seine olle Schildkröte gleich mal einpacken. Bei der Recherche bezüglich dieses ausserordentlichen Phänomens ist mir auch dieses Baby Exemplar unter die Nase gekommen. Wer also nicht nur die Logik feiern, sondern auch eine lebensphilosophische Modeerscheinung mit seinem Baby teilen und dabei gleichzeitig hinterfragen möchte (also den Minimalismus jetzt- nicht das Baby!), der kann nun sogar dies bewerkstelligen. What a time to be alive!

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Stellt euch vor, ihr seht jemanden, mit diesem T-Shirt. Stell euch vor, es ist Elvira die süsse Filmstudentin. Ihr wolltet Elvira schon länger um ein Date bitten, aber ihr wisst ja nicht, ob sie lesbisch oder immerhin bi ist. Und dann trägt sie das hier! Sendet sie euch ein Signal? Oder muss das nix heissen, denn heute kann man noch so verkorkste Scheisse auf seinem T-Shirt tragen und muss sich nicht verpflichtet fühlen, sich damit intellektuell zu identifizieren oder gar auseinanderzusetzen. Oder ist das Elviras Art, sich mit ihrem gewalttätigen Ex auseinanderzusetzen, weil wir -in einer immer noch verklemmten Gesellschaft- dazu übergegangen sind, toxische Beziehungen zu verehren und jetzt gibt es einen Haufen junger Frauen, die sich den Hintern verkloppen lassen und dabei „Daddy“ schreien und das aber gar nicht wollen? Und Elvira hat nie gelernt über all das zu sprechen, weil als wenn Tino sie im Kindergarten schlug, alle sagten, dass der Tino die Elvira ja nur gern habe. Oder Elvira findet Tiger einfach geil. Ja. Lektion gelernt: wer das trägt, weil er / sie eine Begeisterung für Tiger hat, verdient weder mich noch die Tiger. Danke Zara, für diese Erkenntnis.

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Ein weiteres, sehr aktuelles und mit Leidenschaft verhasstes Thema darf auch hier nicht fehlen: darf man den Feminismus kapitalistisch gewinnbringend  vermarkten? Ich sage: bitte lasst mich in Ruhe, ich weiss es doch auch nicht, ich meine ja, ich meine nein, ich meine nur, wenn es irgendwie süss ist und nett und waa-! Was soll man da auch sonst sagen? Werbung für tolles, feministisches Projekt: einerseits ja, aber dann ist es nicht fair produziert. Öko-Yogatop, mit allen Zertifikaten: hört sich schon viel besser an, aber die Marke präsentiert Weiblichkeit total essentialistisch (Wir sind alle Mütter und schwingen euch unseren Rosenquarztanhänger um die Ohren, ommmm!). Ja. Ok. Kurz vom Thema abgekommen. Wieder voll da. Also: Liebe Nastygal Menschen, produziert meinetwegen so viele „Feminist“ T-Shirts wie ihr wollt. Aber wenn ihr dann auf derselben Seite ein anderes T-Shirt anbieten, dass wiederum die Gewalt von Mädchen an Jungs verherrlicht, dann habt ihr nicht nur die Botschaft missverstanden, sondern schadet auch noch der ganzen Bewegung. Wegen solchem Scheiss muss ich mich dann mit MRA’s herumschlagen und irgendeinem Horst erklären, wieso ich den Red Pill Film nicht gucke.

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Ich schliesse ab mit einem weiteren Meisterwerk von Mango. Diesmal ist es eine heilige Dreifaltigkeit von einfältigen Print Designs, die ich nie gesehen haben möchte. Aber es ist, wie es ist. Sie sind in meine Schädelwand eingebrannt. „Life is a point of view“, „Too naive to be worried“ und „Stop asking why“. Eigentlich perfekt, oder? Genau das sollte ich mir auch öfter sagen, wenn mir mal wieder die Augäpfel ausbüxen wollen, weil sie zum Beispiel das hier erblickt haben. Einfach naiv herumlaufen. Akzeptieren, dass Arschloch sein, eine Meinung ist. Und im Zweifelsfall: bitte keine Fragen stellen. Ein gutes Konzept für moderne, emanzipierte Frauen.

Und für euch, die mich jetzt kreuzigen wollen, weil eure halbe Garderobe hier zu finden ist: ich zieh mir jetzt das hier an und gehe ins Kino. Ihr wisst schon warum.

 

*die Bildchen sind mit ganz viel Liebe und Hingabe auf Polyvore entstanden

 
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Wieso Ich gestern an den Women’s March in Zürich ging

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Schlaue Gründe, um am Women’s March in Zürich teilzunehmen, gab es viele. Am Ende des Protests wurden viele dieser Gründe auch von den Rednerinnen angesprochen: die Rettung der AHV durch die Erhöhung des Rentenalters für Frauen, der klaffende Pay Gap und und und. Darüber möchte ich hier aber nicht schreiben. Zum Teil, weil es Leute gibt, die einfach besser informiert sind, zum Teil jedoch, weil vieles mich im Hier und Jetzt gar nicht betrifft. Mit Mitte zwanzig und als Studentin scheint das Rentenalter in schier unendlicher Ferne und bei meinen vereinzelten Ferienjobs spüre ich auch noch nicht viel von der Lohnungleichheit. Klar, das alles kommt auf mich zu -und wahrscheinlich schneller, als ich jetzt denke. Und natürlich möchte ich mich jetzt schon solidarisieren mit Frauen, die arbeiten, und Frauen, die schon um ihre Rente fürchten. Was aber sind die Gründe, die emotional schwer wiegen?  Was bewegt Frauen in meinem Alter, und die bezüglich Privilegien eher im Mittelfeld spielen, auf die Strasse zu gehen?

Mein Alltag ist seit fünf Jahren die Universität, das Studentenleben mein Erfahrungsrahmen. Es ist also ein relativ privilegiertes Leben. Seit ich angefangen habe zu studieren, war ich an drei verschiedenen Schweizer Hochschulen und arbeitete kurz selbst für eine vierte Institution. An jeder dieser Hochschulen kam ich mit Sexismus in Berührung. Sei es durch abschätzige Bemerkungen von Dozierenden, sei es durch sexuelle Belästigung ausgehend von Komiliton*innen oder durch vielfältige Mikroaggressionen. Davon abgesehen gibt es natürlich auch an den ach so progressiven, liberalen Unis die üblichen Verdächtigen: Podiumsdiskussionen mit nur männlichen Teilnehmern (oder welche über Migration, ohne Migranten), die Tendenz, dass sich der Frauenanteil gen oben auf der Karriereleiter stetig ausdünnt und inkompetente Meldestellen, die zur Tabuisierung all dessen beitragen. Dazu kommt, dass es dem Klischee entsprechend viele Personen gibt, die sich furchtbar elitär verhalten. Du warst noch nie in Paris?! Liegt daran, dass du nicht wolltest. Deine Eltern sind mit dir nicht ins Tinguely-Museum?! Was habt ihr den dann so gemacht an den Wochenenden?  Zu Sexismus und Elitarismus gesellen sich dann noch subtiler Rassismus, fehlende Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderungen und eine oftmals apolitische Haltung, die es ziemlich schwierig macht, irgendwas zu verändern. Tatsächlich ist seit Trumps Wahl etwas Schwung in die Bude gekommen, aber ob sich echte Veränderungen anbahnen oder ob es nur oberflächliche Empörung ist, wird sich noch zeigen. Meine Versuche selber was zu reissen, sind bisher im Dickicht der Bürokratie verschwunden. In der Zwischenzeit wird demonstriert- so wie gestern.

Aber das Uni Leben ist nicht der einzige Kriegsschauplatz. Tatsache ist: ich bin seit vier Jahren bewusst nicht mehr zur Gynäkologin. Die knapp drei Jahre meines Lebens, in denen ich zu Jahreskontrollen ging und Termine machte, um mir die Pille verschreiben zu lassen, waren für mich der blanke Horror. Trotz erheblicher gesundheitlicher Beschwerden wurde immerzu darauf gepocht, dass ich weitere hormonelle Präparate ausprobiere. Obwohl ich mitunter drei und einmal sogar fünf Monate lang täglich Schmierblutungen hatte und stark zunahm. Die Befragungen zu meinem Intimleben waren so harsch, dass ich mich zeitweise gedemütigt fühlte. Für die Jahresuntersuchung sollte ich mich, aus Zeitgründen, gleich ganz ausziehen und auch während der gesamten Behandlung so bleiben. Da war nix mit „unten frei machen“. Und damit man vom Versuchskaninchen auch voll profitieren konnte, durfte während der vaginalen Untersuchung auch noch eine weitere Auszubildende dazu kommen. Dass der Behandlungsstuhl genau vor der Türe stand und dass dort Menschen hin und her liefen, war egal. An dieser Stelle ein freundliches Hallo! an alle die mich in aller Pracht bestaunen durften. Nachdem ich ein drittes Mal den stabförmigen Schallkopf von einer jungen Dame eingeführt bekam, die sich alle paar Sekunden fragend umdrehte, weil sie nicht wirklich zu wissen schien, was sie da tat, war für mich Schluss. Klar, die jungen Ärzt*innen müssen auch irgendwo Erfahrungen sammeln, aber musste es immer Ich sein? Auch nachdem ich bat, die Untersuchung nur mit mir bekannten Gesichtern durchzuführen? Eigentlich hätte mir der Kragen platzen sollen, als der Verdacht auf Endometriose aufkam. Da fragte ich nämlich, was nun zu tun sei. Die Antwort kam prompt: „Eine Operation, um die Diagnose zu bestätigen, lohnt sich erst, wenn Sie dann Kinder möchten.“ Ich war damals 17 Jahre alt. Heute hätte ich vielleicht die Reife mich zu verteidigen und solche Dinge nicht einfach hinzunehmen, aber mir stellen sich die Haare auf, wenn ich nur daran denke, dass ich wieder zur Gynäkologin soll. Auch deswegen, und im Namen aller jungen Frauen, die wie ich mit hochrotem Kopf stumm da sassen, zog ich gestern durch Zürichs Strassen.

Ich bin eine weisse Frau. Aber so richtig weiss geworden bin ich erst, als ich das erste Mal von daheim auszog. Im Herbst 2012 fand ich ein WG-Zimmer in Schwamendingen. Kurz darauf beschlich mich das Gefühl, komplett unscheinbar zu sein. Anfangs dachte ich, dass das daran liegen müsste, dass ich als Teenager eine Vorliebe für auffällige Kleidung gehabt hatte, die sich langsam verflüchtigte. Ich trug seit langem wieder regelmässig Jeans und die fielen natürlich weniger auf, als weit schwingende Röcke. Aber daran lag es nicht, wie erneute Bekleidungsexperimente erwiesen.  Als ich dann anfing mich für strukturellen Rassismus zu interessieren, dämmerte es mir dann langsam. Und als ich letzten Herbst wieder zu meinen Eltern auf’s Land zog, war es plötzlich offensichtlich. Es gibt bei uns im Supermarkt an der Kasse eine Frau, die mich nie anlächelt, so sehr ich mir auch Mühe gebe alles schön auf’s Band zu legen und selber topmotiviert reinzublicken. Sie strahlt den ganzen Tag pure Freude aus, bis ich an der Reihe bin- dann schaut sie drein, als ob ich ihr gerade meine gebrauchten Sportsocken angeschmissen hätte. Irgendwann fiel mir auch, dass es nicht nur ich bin. Bei meiner Mama gibt es dieselbe Reaktion, bei der Flüchtlingsfamilie aus Pakistan auch. Die Frau hat nichts gegen mich persönlich, sie hat was gegen „nid hiäsigi“, sie hat was gegen Ausländer. Diese Erfahrungen mache ich, seit ich denken kann. Seltsame Blicke, noch seltsamere Konversationen über „wo du wirkli här chunsch“. Leute, die überrascht sind, dass ich Deutsch spreche. Die subtilen Unterschiede im Verhalten meiner Lehrer zwischen mir und anderen. So richtig einordnen konnte ich all das aber erst, als ich die Absenz dessen spürte. Die offensichtlichen Formen von Rassismus und Fremdenhass in der Schweiz waren mir immer bewusst. Wie soll man es auch sonst verstehen, wenn einem „Jugo“ zugerufen wird. Aber wie verbreitet und schädlich Mikroaggressionen sind, habe ich nur spät begriffen. Bei mir im Dorf gab es vor der Flüchtlingskrise gerade mal eine Hand voll People of Color und in diesem Kontext war ich als Kind von Migranten total auffällig. Als ich weg zog, profitierte ich dann aber plötzlich davon, wie veränderbar das Konzept von „Whiteness“ ist. Für diejenigen, die das nicht können, will ich mich aber einsetzen. Zum Beispiel an einer Demo.

Schlaue Gründe, um am Women’s March in Zürich teilzunehmen, gibt es also viele. Einige sind offensichtlicher als andere. Einige sind sehr populär und es stellen sich viele Menschen hinter sie. Aber in persönlichen Schicksalen verstecken sich oft noch subtilere Nuancen von dem, was wir schon zu wissen glauben. Dinge, die gerne nicht so schlimm sind. Einen Schlag ins Gesicht werden viele sofort verurteilen, aber wenn man in den Bauch gekniffen wird, soll man bitte nicht gleich anfangen zu weinen. Auch wenn es jahrelang jeden Tag passiert, von zehn Händen gleichzeitig. Ich bin gestern in Zürich an den Women’s March, weil mir die grossen Themen zwar wichtig sind, ich mir aber auch erhoffe, dass man sich für intersektionale Themen mehr öffnet. Ich bin marschiert, weil die ständigen Bauchzwicker ihre Narben hinterlassen haben und wir viel zu selten von ihnen sprechen. Ich bin hin, weil ich mich mit anderen Menschen konfrontieren wollte, für die ich vielleicht auch ein Bauchzwicker oder gar Schläger bin. Dass man an eine Demo geht, weil man eine Meinung hat, ist klar. Man sollte aber auch hingehen, weil es was zu lernen gibt.

 

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