Die Welt Retten 101

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Letzten Sommer habe ich angefangen diesen Text zu schreiben. Und dann aufgehört. Und wieder angefangen. Und, ihr ahnt es, wieder aufgehört. Jetzt reicht’s aber langsam mal, weil ich das Thema doch wichtig finde. Also kommt hier der dritte Versuch.

Freitag vor einem Jahr und drei Monaten wurde ich von einem Punkt Licht geweckt, der sich durch unsere alten Fensterläden ins Schlafzimmer geschlichen hatte und mir auf der Nase sass. Gemäss den Instinkten meiner Generation schaute ich nach dem Aufwachen zu allererst auf mein Smartphone. „Don’t think I’ve ever been so ashamed to be British“, war da der erste Status, den Facebook mir ausspuckte. Bitte, was? Eingeschlafen war ich die Nacht zuvor mit dem Ergebnis Gibraltars, welches zu 96% gegen den Austritt aus der EU gestimmt hatte und mit Bildern von der #remain Kampagne, wo den Leuten das Siegeslächeln schon auf den Lippen lag.

Ich zog die Decke über den Kopf und dachte nach. Brexit. Was ist da bloss falsch gelaufen? Wie kommen Menschen dazu, für den Austritt zu stimmen? Und sowieso: wie kann es sein, dass sich überall in Europa und in Nordamerika Menschen von reaktionärem und nationalistischem Gedankengut verleiten lassen? Nach dem Brexit kam ja wie bekannt ist das Regrexit und sogar in den USA wurde berichtet von den vielen Google Sucheingaben à la „What does it mean to leave the EU?“ und „What is the EU?“ die irgendwie erst nach der Abstimmung getätigt wurden. Schon einige Stunden nachdem die Ergebnisse da waren, wurden wichtige Versprechen zurückgezogen. Vor laufender Kamera geben Menschen zu, dass sie ihrer eigenen Stimme nicht so viel Bedeutung zugemutet hatten und den Austritt gar nicht wirklich wollten. Und obwohl den meisten mittlerweile doch irgendwie klar sein müsste, dass sie verarscht wurden, kann Nigel Farage gewohnt schelmisch seinen Rücktritt bekannt geben und kommt mit ein paar halbstarken Beleidigungen in den Kommentarspalten davon. WTF zum Ersten.

Am Morgen des 9. Novembers, als die Resultate der US- Wahlen sich abzeichneten, hatte ich die Fensterläden fest geschlossen. Ein anderes Licht weckte mich. Irgendeine App spuckte wie wild Benachrichtigungen aus und erhellte mein Kissen. Ich schaute drauf, schluckte und trottete in die Küche. Meine Mutter und ich sassen uns ungläubig gegenüber. Als mein Vater aufstand und herein kam, sagte ich zu ihm, dass Donald Trump der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sei. Er sagte nichts, nahm sich seinen Kaffee und ging eine rauchen. Zehn Minuten später kam er nochmal herein und frage „Also! Was hast du vorhin gesagt?“. Aber das Koffein und die Zigarette machten die Nachricht nicht besser. Diesmal gab es keine Horden, die ihre Wahl bereuten und gerne nochmal abstimmen würden. Es gab Proteste, ja, aber auch Menschen, die diese Wahl wie wild feierten. WTF zum Zweiten.

Gestern nun die Bundestagswahl. Um 18.24 sassen wir im Auto, mein Freund am Steuer. Wir schlängelten uns gerade durch die Luzerner Innenstadt, als ich die ersten Hochrechnungen sah. Meine Instagram und Twitter Blasen platzten fast vor empörten jungen Menschen. Die ganze Woche zuvor hatten sich meine deutschen Bekanntschaften gegenseitig zum Wählen angespornt. Dann das Video von AfD Wahlparty. O-Ton Gauland: „Wir werden sie jagen!“ Im Radio knisterte es zwischen Imagine Dragons und Taylor Swift, die Strassenlaternen erhellten im Sekundentakt den Innenraum des Autos und mein Kopf war leer. Herzschlag. WTF zum Dritten.

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Ich empfinde die Zeit, in der wir leben, als eine von Gegensätzen. Terroranschläge und Street Parades. Gay Marriage und Abtreibungsverbot. Ständig schlechte Nachrichten, die man im Mallorca Urlaub ausblenden darf. Und wer aufpasst, weiss auch, dass es den Leuten so ziemlich überall schlechter geht, als dem durchschnittlichen Westeuropäer. (Wem es an dieser Stelle an Beispielen mangelt, möge einen Fünfliber in eine Zeitung investieren.) Auf der anderen Seite liest man aber immer wieder, dass es  der Weltbevölkerung so gut geht, wie keiner Generation zuvor. Immer mehr Menschen können eine Universität besuchen, das Reisen wird ständig unkomplizierter, neue Technologien erleichtern uns den Alltag. Im historischen Vergleich schneiden wir zumindest gut ab. Aber was ist es nun? Hurra oder alles Kacke hier?

Den Wohlstand, den wir gerade geniessen, erlebe ich als oberflächlich. Unsere Gesellschaft hat Probleme, die sich schon viel zu lange hartnäckig halten und scheinbar jeglichen Lösungen entziehen. Misogynie, Rassismus, Homophobie, Transphobie, Ableismus und das notorische Weiterbestehen einer Klassengesellschaft. Das sind doch eigentlich Probleme, die einer fortschrittlichen Gesellschaft gar nicht mehr würdig sind (würde man meinen). Ich, wie viele Andere, habe einiges an Kritik anzubringen, aber mir, wie vielen Anderen, mangelt es an konkreten Lösungsvorschlägen.

Die Besten unter uns leben Zero-Waste und mit zero Flugmeilen, sie sind politisch aktiv und kümmern sich um ihre Community. Für einige reicht es nur zum Bioapfelkauf. Andere wiederum sind ganz politikverdrossen und wollen von dem ganzen Zirkus genau so viel wissen, dass es zum Motzen reicht. Viele von uns sind jetzt irgendwie zu Aktivisten geworden. Wir feiern uns durch Proteste und „schreien“ das andere Lager digital wie analog in Grund und Boden. Dieser Text richtet sich an uns.

Als ich zum ersten Mal „angeschrien“ wurde, ging mir wundersamerweise ein Licht auf und ich verstand. Die „Schreierin“ war eine Afro-Amerikanische Feministin, dir mir zurecht meine eigene, weisse Naivität vor die Augen hielt. Sie hatte also mit ihrer Technik Erfolg. Aber ich bin jemand, der zwei Wochen lang nicht ruhig wird schlafen können, weil eine gestresste Verkäuferin wegen mir die Augen verdreht hat. Ich mache mir auch Sorgen darüber, was meine Katzen wohl von mir halten, nachdem sie zusehen mussten, wie ich versuche mich in eine alte Jeans zu pressen. Natürlich habe auch ich meinen Stolz und muss die Kritik erstmal im Stillen verdauen, bevor ich mich öffentlich outen kann. Aber immerhin in meinem Kopf wird alles hinterfragt. Ich evaluiere im Quadrat.

Viele von uns, fingen dann selbst mit dem „Geschrei“ an (mit und ohne Gänsefüsschen). Erinnert ihr euch noch an den Moment, in dem wir uns veränderten? Für einige war es eine ideologische Umerziehung, andere wurden nur radikalisiert und das Bauchgefühl bekam eine Sprache. Bei mir ist es jetzt so circa sechs Jahre her, da fing ich an die ganze Bandbreite, von tumblr zu Gender Studies zu Serien von Frauen für Frauen, wie ein trockener Schwamm aufzusaugen. Ich habe es lange gut gehabt mit dem third wave feminism und der Rhetorik, die uns verband. Irgendwann würde man mich dann schon verstehen. Alle Wege würden schon irgendwie nach Rom führen, dachte ich mir- und überzeugte so gut wie niemanden.

Die Blase ist aber geplatzt: Das, was wir tun, funktioniert nicht. Ich dachte lange Zeit, dass es nur nicht reicht, aber tatsächlich funktioniert es nicht. Unterschriften sammeln für Petitionen, sich online mit Fremden streiten, politisch nur bei Referenden und Initiativen aktiv werden und auf seinen eigenen Konsum achten funktioniert nicht. An der Idee, dass jedes bisschen hilft, habe ich lange festgehalten und fühlte mich von kleinen Erfolgen bestätigt. Aber jeder Tag verstärkt in mir die Einsicht, dass ich auf dem falschen Weg bin. Das heisst jetzt nicht, dass ich nicht weiterhin meine hässlichen Bioäpfel kaufen werde; all das hat durchaus seinen Wert. Aber was wir alle verstehen müssen ist, dass diese neuen Ideen, für die wir in den letzten Jahren endlich eine gemeinsame Sprache gefunden haben, nicht einfach so auf andere übertragbar sind.

Aber was werde ich nun tun?

  1. Ich werde mich viel besser informieren müssen. Wer 100%-ig verstanden hat, wie die EU, eine Offshore Firma oder die Zahlen an der Börse funktionieren, der werfe den ersten Stein. Aber die meisten von uns hantieren, wenn sie ehrlich sind, auch mit viel Halbwissen. Vielleicht liegen euch Wirtschaft und Politik gerade, aber dafür etwas anderes überhaupt nicht. Wir haben da alle unsere Stärken und Schwächen. Wenn man aber irgendetwas erreichen will, muss man es nunmal besser wissen. Und deshalb ist das mein erster Punkt. Es gibt so viele Fakten, die wir zwischen uns herumreichen, ohne mal die Quelle geprüft zu haben. Wie funktionieren die Statistiken, die wir zitieren? Wie errechnet man eine Dunkelziffer? Könnte man all das mit gutem Gewissem auch anders interpretieren? Diese Fragen verlangen antworten, vor allem wenn wir regelmässig Leuten begegnen, die wir auf Grund ihrer Meinung für dumm halten. (Speaking off…)
  2. Ich werde radikal zuhören müssen. Das mit dem schroff sein, hat ja jetzt weniger gut funktioniert. Die meisten Menschen lassen sich halt nicht gerne runter machen. (Was natürlich eine totale Überraschung ist). Klar, ich werde immer noch wütend und tobe. So wie damals, als ich dieses Interview in der WOZ las. Aber eigentlich ist dieses Interview genau das, was wir brauchen. Zuhören, auch wenn es weh tut und die Anziehungskraft des Hinterkopfs, auf die Augen, unerträglich wird. Warum? Weil AfD-Wähler und Brexit-Befürworter und Trump-Wähler nicht alle informationsresistente Idioten sind. Es sind Menschen, deren Ängste, von Leuten wie mir, viel zu lange nicht ernst genommen wurden- und genau da haben Rechtspopulisten sie abgeholt. Wir haben alle ähnliche Sorgen, aber wir können nicht alle gleich gut mit ihnen umgehen. Manchmal fühlt man sich von Furcht und Wut gedrängt  einfach mal was zu tun. Ein Zeichen setzen! Eine Veränderung herbeiführen! Emotional ist das meinen Wünschen doch sehr ähnlich, aber anstatt das zu erkennen, habe ich lange nur abschätzig den Kopf darüber geschüttelt, dass man sich mit Populismus hat ködern lassen.  Versteht mich nicht falsch. Auch ich sehe zum ersten Mal mehr Hitlergrüsse in den Nachrichten, als in Spielfilmen. Dazu muss man nicht nett sein. Eine Kursänderung steht trotzdem an. Ausser mir selbst kenne ich nämlich niemanden, der seine Meinung bereitwillig änderte, nachdem er runter gemacht wurde (und das obwohl ich die Technik rigoros erprobt habe). Ich weiss, das hört sich nach einem Widerspruch an. Ist es nicht besser, sich laut gegen Diskriminierung zu stellen? Ja, Intoleranz darf um der Toleranz Willen nicht toleriert werden. Wir müssen ja nicht Apfelkuchen essen gehen mit waschechten Nazis, aber viele „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“- Leute lassen sich problemlos abholen. Falls wir es nicht tun, tut es die andere Seite.
  3. Ich werde konsequenter handeln müssen. Wenn es eine Partei gibt, die euch eigentlich gut gefällt und mit der ihr einverstanden seid: Jetzt ist die Zeit beizutreten. Oder vielleicht ist es ein Think Tank. Eine Konsumentenschutz Organisation. Wasauchimmer. Es ist längst überfällig selber aktiv zu werden. Ich zum Beispiel interessiere mich seit gut drei Jahren für die Arbeit von Public Eye, habe aber immer Ausreden gefunden, warum ich jetzt gerade nicht beitreten und mich nicht engagieren kann. Die Demokratie funktioniert nur, wenn ihre Bürger*innen aktiv sind. Immer gross über Politiker*innen motzen ist ja vielerorts Nationalsport, aber wenn wir ehrlich sind, ist es ein verdammt schwerer Job. Das soll nicht heissen, dass wir uns alle zur Wahl aufstellen müssen, es gibt tausend andere Dinge, die man machen kann. Man kann sich in einer Wahlkampagne engagieren oder als Wahlhelfer tätig sein. Man kann bei einem Thema, das einem besonders wichtig ist, eine Demo nach der anderen besuchen- oder besser noch: selbst organisieren! Man kann natürlich auch auf seinen Konsum achten. Aber man kann mehr tun, als einfach etwas nicht kaufen. Man kann laut sagen, warum einem etwas nicht passt. Sagt im Geschäft: „Ich kaufe Ihr Produkt nicht, weil Sie es in Plastik verpacken.“ Sagt zur Freundin: „Fast Fashion kaufe ich nicht mehr, weil da Leute ausgebeutet werden.“ Ich bin selbst extrem inkonsequent und eigentlich ist mein Alltag eine einzige grosse Ausnahme, obwohl ich mich als jemanden sehe, der wichtige Werte vertritt und an moralischem Handeln interessiert ist. Anders gesagt: die erste, die einen Arschtritt braucht, bin ich selbst.

    Ich will in 30 Jahren nicht gefragt werden, wo ich war, als die Welt vor die Hunde ging. Den Generationen vor uns ist es genauso ergangen: der Bullshit kam nie über Nacht, sondern wurde Stück für Stück hinein geschleppt, bis die Kacke eines Tages am dampfen war. Und bei uns stinkt es jetzt schon gewaltig. Irre Pseudo-Despoten sind an der Macht, Rassismus ist wieder salonfähig geworden und Hygge ist der Biedermeier unseres Jahrhunderts. Wir wollen ein bisschen gute Menschen sein, aber vor allem freuen wir uns auf den Feierabend, das Wochenende, den Urlaub und die Wohnung muss nett aussehen und unser Arsch auch und gutes Wetter ist auch immer nett. Ja, schon, aber die Welt brennt und es Zeit selber etwas unbequem zu werden. Just fucking do it.

 

 
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Mensez – Man says what?!

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Just the other day I was scolding myself for not reading enough Trump-unrelated news. While I was clearly inhabiting a filter bubble until last November, I am now inhabiting a bubble in which everyone desperately tries to keep track of the orange man and his adventures. Yet once in a while other white cis hetero men poke the bubble, demanding some attention for themselves and once in a blue moon their cause is so stupid, that I would somewhat prefer to just stay with The Donald and his fuckery. Today is one of those days and Daniel Dopps is the man. To make a (hopefully) short story even shorter: Dopps developed a lipstick with which women should glue their labia minora shut during menstruation. This, so Dopps, is a positive thing (in case you were wondering whether I hang out too much on SM blogs), because it would mean that menstruating people (my words obviously) would not need „diapers and plugs“ anymore (his words obviously). Now I wish, I were more articulate on this than I am. However fact is, that I am utterly lost for words. I am not sure how anyone with a functioning understanding of female anatomy could have gotten to the conclusion that a.) glueing skin shut = sorta like using tampons b.) having to use a lipstickish-thingy to do this on yourself would be more practical, comfortable or faster than tampons, cups or pads (especially WHILE you are on your period) c.) this could be effective enough without being dangerous for various reasons I do not want to explore mentally. In many ways I have nothing to add to the excellent article by Kavin Senapathy for Forbes Magazine. What I do have to say however is that, it is astonishing how confidently men tell women what to do with their bodies and also how to do it. I would claim that I am fairly well informed about male anatomy, yet time and time again I find myself not understanding aspects of life with a penis. Why do certain movements hurt while others do not? How do men survive wearing boxer shorts made out of stiff cotton? What is life like when you don’t have a whole between your legs, but instead a miniature sized elephant trunk which evolution sort of stapled to your groin? I think, if I were to design one of those willy-protectors that ice hockey players need, I would sit down with some friendly men and ask them about their balls. Unlike Mister Dopps, who sounds like he only every spoke with women  about their cycle and genitals using dumbo euphemisms. So how ya doing when the red flag’s up?  But hey, I don’t know about you, but my new year’s resolution was to focus a bit more on the positive side of people and so I am sure he meant totally well. He might be one of those men who just care about women and want their best. He could be the white version of Arunachalam Muruganantham, the man from southern India who spent years creating sanitary pads for his wife, even testing his creation on himself. In the spirit of that I would like to make Mister Dopps a suggestion: A Gentleman lipstick© that glues upper lip to lower lip for that time of the month, when men have stupid ideas about women. And if he can engineer the lipstick in a way in which only urine dissolves it, I might be able to reconcile this story with my daily dose of Trump gossip.

 
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